UNESCO Welterbe RhB

Juwel entlang der Albulalinie

Juwel entlang der Albulalinie - UNESCO Welterbe RhB

Es ist eines dieser Häuser, die allein durch ihr Äusseres die geheimnisvollen Geschichten längst vergangener Tage erzählen: Das Kurhaus Bergün thront ein wenig erhaben über dem gleichnamigen Dorf mitten im UNESCO Welterbe der RhB; die Jugendstilfassade passt so gar nicht zu den alten Engadiner Häusern, die die schmalen Dorfstrassen säumen. Sofort möchte man wissen, wie es dieses Juwel ins abgelegene Albulatal verschlagen hat. Und was seitdem passiert ist.

ina Di Luigis dunkle Augen funkeln wild, wenn sie ihr dunkles Lachen lacht. «Auf einmal war da ein Huhn!», ruft sie laut und fuchtelt mit den Händen, als würde sie sich immer noch aufregen. Die Portugiesin arbeitet seit 2005 im Kurhaus Bergün und hat so einiges miterlebt. Zum Beispiel, dass ein Huhn in einer der Wohnküchen logierte. Die Besitzer hatten keine andere Unterkunft gefunden, ihr Haustier kurz entschlossen mit in die Ferien genommen und eine Bananenschachtel zu einer temporären Behausung umfunktioniert. Gouvernante Dina Di Luigi fand die Idee weniger originell: «Wir haben dann spontan einen nicht genutzten Kellerraum zum Hühnerstall umgebaut. Dort konnte das Huhn dann seine Ferien verbringen.» Dina Di Luigi wohnt seit 25 Jahren in Bergün. Früher, als sie mit ihren Kindern spazieren ging, hatte sie «fast Angst gehabt vor dem Kurhaus. Es sah aus wie ein Spukschloss.» Manchmal wagte sie es, einen Blick hineinzuwerfen. Das, was sie sah, empfand sie als «dunkel».

Akklimatisieren in Bergün
Früher, das war vor 2003. Denn von 1952 bis 2002 gehörte das Kurhaus dem Basler Verein für Familienherbergen. Und dieser hatte «nie so viel Geld, als dass er in Fehler hätte investieren können», sagt der heutige Hoteldirektor Christof Steiner. Was für ein Glück für das Haus, das inzwischen wieder in altem Glanz erstrahlt. Doch von vorne: Ende des 19. Jahrhunderts profitierte Bergün von den Gästen, die mit der Postkutsche ins Engadin reisten. Chur war eine Tagesreise entfernt – und Bergün der ideale Standort für eine Zwischenübernachtung. Von der Eröffnung der Albulalinie der Rhätischen Bahn am 1. Juli 1903 erhoffte man sich weitere Touristen und 1904 vergab die «Vereinigte Hotels Bergün A.-G.» den Auftrag für das Hotel an den Zürcher Architekten Jost-Franz Huwyler-Boller, der gleichzeitig auch das Hotel Cresta Palace in Celerina errichtete. Der von den Engländern ausgelöste Alpinismus blühte auf und man schrieb die grosse Epoche der Schweizer Hotelarchitektur. Jost-Franz Huwyler-Boller sah sich als Künstler mit gesamthaftem Anspruch und plante ein Haus mit beachtlichem Luxus: Die Zimmer waren mit eigenen Bädern ausgestattet, die Toiletten eigens mit der Bahn direkt aus England angeliefert worden. Es gab elektrisches Licht, Warm- und Kaltwasser, eine Zentralheizung, einen Lift sowie «geräumige Restaurantlokalitäten», wie es im ersten Prospekt hiess. Dazu gehörten ein Damensalon, ein Herrensalon mit Billardtisch, eine American Bar, ein Kino sowie als Herzstück der «Rosensaal».

Vom Unheil- zum Glücksbringer: die Albulalinie
Die Idee war, dass sich die Reisenden auch weiterhin im gemässigteren Klima von Bergün an die Höhenluft gewöhnen sollten und ein paar Tage im Kurhaus verbringen würden. Doch die schnelle Verbindung ins Engadin mit der neuen Albulalinie war attraktiver. Das Kurhaus stand am falschen Ort und war zu gross. Bergün kämpfte um Gäste – und entdeckte den Wintersport für sich. Bereits im Winter 1904 / 05 war die Strasse entlang der Albulalinie erstmals als Schlittelbahn präpariert worden; es folgte ein grosser Natureisplatz für Eislauf, Curling und Eishockey. Auch heute ist die Albulalinie ein Bonus für das Hotel: Sie gehört zum UNESCO Welterbe Rhätische Bahn und lockt Touristen aus der ganzen Welt an. Diese haben inzwischen einen weiteren Grund, in Bergün auszusteigen: Das Bahnmuseum Albula erzählt hier die mehr als 100-jährige Bahngeschichte Graubündens in sämtlichen Details. Doch das Kurhaus musste zunächst weiter leiden; der Zweite Weltkrieg entpuppte sich als regelrechter Todesstoss – zumal 1949 auch noch der Dachstock abbrannte. Die Gemeinde finanzierte einen charmelosen Dachneubau ohne Kuppel. Dieser Fauxpas wurde erst 2013 korrigiert; seitdem thront auf dem Kurhaus wieder ein Türmchen. Das Dachgeschoss aus den 1950er-Jahren jedoch blieb: «Es hat inzwischen genauso viel Geschichte wie das ursprüngliche Dach», sagt Christof Steiner.

Rettung für das Kurhaus
Der neue Besitzer, der Basler Verein für Familienherbergen, legte ab 1952 je drei bis vier Zimmer zu Appartements zusammen, verwandelte einen Raum in eine Wohnküche und passte die Architektur den damaligen Gewohnheiten an. Decken wurden abgehängt, um niedrigere Räume zu schaffen,
Jugendstil-Glastüren mit Brettern vernagelt, das Kino und der Saal in Schlafsäle umgewandelt. Wegen der niedrigen Übernachtungspreise konnte man nicht gross investieren. Ein Glück, denn so wurden keine irreversiblen Umbauten vorgenommen. Doch Anfang des neuen Jahrtausends war es unübersehbar: Das Haus musste generalüberholt werden. 2002 gründeten einige Stammgäste eine AG. Ihr Ziel: Das Kurhaus Bergün zu retten. Mit 1,5 Millionen Franken Startkapital begannen sie, dem Juwel zu neuem Glanz zu verhelfen. Verwaltungsratspräsident Heini Dalcher ist Architekt; unter seiner Führung wurde das Ensemble wiederhergestellt. 2012 dann die Krönung der vielen Stunden Arbeit: ICOMOS Suisse zeichnete das Kurhaus Bergün als «Historisches Hotel des Jahres» aus. Seit sechs Jahren führen Maya und Christof Steiner das Haus als professio­nelles Hotel, seit fünf Jahren schreibt die AG schwarze Zahlen. Die Aktio-
näre haben lediglich ein Vorreservations- recht, «ansonsten gibt es bei uns jedes Jahr eine Nullrunde», sagt Christof Steiner lachend. Den Aktionären reicht es, Teil der Erfolgsgeschichte des Kurhauses Bergün zu sein. Der Erfolg mag auch am Konzept liegen: «Wir sind ein bisschen Grandhotel – und bieten zur Ferienzeit
Familien ein reduziertes Dienstleistungs­paket zu günstigeren Preisen an», sagt Christof Steiner.

«Wir sind ein bisschen Grandhotel – und zur Ferienzeit auch Familien­herberge.»
Christof Steiner

Ein Korb voller Schlüssel
Doch der Weg zu einem «richtigen» Hotel war mitunter steinig. Anfänglich hatten die Zimmer noch die alten Kastenschlösser, zu denen es nur je einen Schlüssel gab. So musste das Team von Dina Di Luigi stets mit einem grossen Korb voller uralter Schlüssel auf Tour gehen – und jeweils ausprobieren, welcher Schlüssel wo passte. «Manche Gäste machten sich auch gar nicht erst die Mühe, sich anzumelden», erzählt die Gouvernante. «Sie hatten vom letzten Besuch noch einen Schlüssel dabei und sind gleich aufs Zimmer, wie sie es aus den Zeiten der Familienherberge gewohnt waren.» Mit der Zeit schaffte es das Team des Kurhauses, die Gäste umzuerziehen. Familiär ist es dennoch geblieben in dem alten, ehrwürdigen Hotel. «Die Kinder helfen uns gerne beim Putzen und wir kennen viele Gäste», sagt Dina Di Luigi und lächelt glücklich. Auch ihre eigenen Kinder konnte sie jederzeit mit zur Arbeit bringen. Sie halfen mit oder spielten mit den Kindern der Gäste. So etwas ist für Christof Steiner selbstverständlich: «Wir wollen ein sozialer Arbeitgeber sein. Daher haben wir auch viele Jahresstellen – schliesslich ist das Haus zehn Monate im Jahr geöffnet.» Deshalb bleiben viele Mitarbeitende auch überdurchschnittlich lange im Kurhaus Bergün. So wie Dina Di Luigi; sie hat im Kurhaus Bergün Deutsch gelernt, ein Team von sechs Kolleginnen aufgebaut und geniesst das schöne Ambiente in genau demjenigen Haus, das ihr einst ein wenig Angst einjagte.

UNESCO Welterbe Pass
In Sachen Bauchtechnik und Linienführung ist das UNESCO Welterbe Rhätische Bahn in der Landschaft Albula/Bernina eine einzigartige Meisterleistung, die viel zu erkunden gibt. Der UNESCO Welterbe Pass ist der Freipass für Entdeckerinnen und Entdecker der überr 100-jährigen Bahnstrecke. Freie Fahrt auf der Welterbestrecke ab CHF 56.00

www.rhb.ch/welterbepass