Albulalinie

Faszination Tunnelbau

Faszination Tunnelbau - Albulalinie

Der neue Albulatunnel ist eines der grössten Projekte, das die Rhätische Bahn je umgesetzt hat. Seit 2015 laufen die Bauarbeiten, 2021 soll der neue Tunnel zwischen Spinas und Preda in Betrieb genommen werden. In all den Jahren sorgen Fachleute vor Ort dafür, dass alles rund läuft. Einer von ihnen ist Jürgen Ebenhög, der mit seiner Familie ursprünglich in die Schweiz zog, um am Gotthard-Basistunnel zu arbeiten.  

«Das ist die heilige Barbara, sie beschützt jede Tunnelbaustelle», sagt Jürgen Ebenhög, nickt der Figur im Glaskästchen zu und stapft voran. Die Stiefel sinken zentimetertief in den mit zerborstenen Schieferplatten übersäten Boden. Es tropft von den Wänden und mit jedem Meter wird es dunkler. Der Allgäuschiefer glänzt nass, vor der Wand liegt ein gros­ser Haufen Gestein, den alle paar Minuten ein Radlader «schuttert», also wegfährt. «Allgäuschiefer ist ein Tongestein, das bei der Gebirgsbildung verschiefert ist», sagt der Bauingenieur und nimmt eine Schieferplatte in die Hand. Das Gestein ist so weich, dass der Tunnelbagger es mit seinem Hammerarm abbauen kann. «Mittelfristig werden wir sprengen. Aber noch wäre hier in Preda das Sprengen zu laut und wir sind zu nah am bestehenden Tunnel.»

Zwei Ingenieure zieht es ins Tessin
Jürgen Ebenhög muss es wissen. Er ist zwar Abschnittsbauleiter in Spinas, aber sein Büro steht in Preda. Und seine Welt ist der Tunnelbau. Der 46-Jährige hat ebenso wie seine Frau in Deutschland an der TU Darmstadt Bauingenieurwesen studiert. Christine Ebenhög spezialisierte sich auf Wasserbau, Abwassertechnik und Umweltthemen, Jürgen Ebenhög auf Geotechnik und Hydrogeologie. Bevor der Gotthard-Basistunnel die Familie in die Schweiz brachte, baute Christine Ebenhög Kläranlagen, ihr Mann bohrte Tunnels unter der Nordsee und der Elbe hindurch. 2003 zog die Familie ins Tessin, da war die älteste Tochter drei Jahre alt. Nach dem dritten Kind wollte Christine Ebenhög wieder arbeiten und kümmerte sich dank ihrer deutschen Muttersprache auf der Gotthard-Baustelle darum, dass alle Vertragsklauseln korrekt umgesetzt wurden. Das Arbeitsumfeld der Eltern prägt nach all den Jahren auch die inzwischen vier Kinder: «Kürzlich hat unsere älteste Tochter bei einer Wanderung darüber referiert, aus welchem Gestein man beim Tunnelbau am besten Beton herstellen kann», erzählt Christine Ebenhög lachend.
Ein Thema, das auch den Vater beschäftigt, der nach dem Abschluss der Bauarbeiten am Gotthard und Ceneri nach Graubünden wechselte. Auf der Deponie etwas oberhalb der Baustelle in Preda nimmt er Material in die Hand. Jürgen Ebenhög fischt einige Stahlfasern aus dem Material und greift zum Telefon. Mit der Geologin Anita Weber bespricht er, was mit dem Material passieren soll. Als er auflegt, sagt er: «Unsere Geologin klassiert das Material, das wir aus dem Tunnel herausbefördern – zum Beispiel, um zu entscheiden, ob wir daraus Betonzuschlag herstellen können.» Auf dem Weg zurück zur Baustelle wirft Jürgen Ebenhög noch einen Blick auf den Toro Radlader, der am Fuss der Deponie parkiert ist. «Dieser Radlader schuttert das Ausbruchmaterial, kippt es auf den Brecher, der es zermahlt, um es dann aufs Förderband zu schütten.» Die Baustellen in Preda und Spinas arbeiten fast autonom: Zum grossen Teil wird hier später aus dem
anstehenden Albulagranit neues Baumaterial wie Bahnschotter und Zuschlagstoffe für Beton gewonnen.

«Ich wollte gestalterisch tätig sein.»
Jürgen Ebenhög

Internationales Preda
Zurück auf der Baustelle steht ein ähnlicher Termin an. Gemeinsam mit seinem Kollegen Patric Walter begutachtet Jürgen Ebenhög das Ausbruchmaterial, das der Radlader geschuttert hat und das somit frisch aus dem Tunnel kommt. Immer wieder kommen Kollegen vorbei und schütteln Hände. Man kennt sich – zum Teil sogar von anderen Baustellen. Italienisch, Portugiesisch, Schweizerdeutsch, Hochdeutsch und hier und da ein Fetzen Sächsisch – Preda ist in diesen Tagen ganz schön international. «Manche Kollegen haben früher in der DDR im Uranabbau gearbeitet und sind heute als Sprengmeister in den Alpen tätig», sagt Jürgen Ebenhög und läuft los in Richtung der Bürocontainer. Uwe Holstein, Chef der Bauleitung, erwartet ihn für eine Besprechung. Der Ingenieur verbringt viel Zeit an seinem Schreibtisch: «Ich bin neben dem Vortrieb auch für die Qualitätsaspekte und eine gute Dokumentation verantwortlich.» Zunächst wollte sich der Deutsche wegen seines Faibles für Mathematik auf die klassischen Ingenieurbereiche Stahl- und Massivbau sowie Statik konzentrieren. Er sattelte aber um: «Ich wollte doch noch gestalterisch tätig werden.» Im abwechslungsreichen Tunnelbau kann er dies. 

Abwechslungsreich bedeutet auch, alle paar Jahre von Baustelle zu Baustelle zu ziehen. Seitdem für Jürgen Ebenhög seine Aufgaben am Gotthard- und Ceneri-Basistunnel abgeschlossen sind, pendelt er nach Preda. Montags bis freitags lebt er in Bergün, am Wochenende fährt er nach Hause, ab und an kommen seine fünf Frauen aus dem Tessin angereist. Dann geniesst die Familie die Bergwelt rund um Preda. Und im Winter, da ist Jürgen Ebenhög mehrere Monate zu Hause, weil dann am neuen Albulatunnel wetterbedingt nicht gearbeitet wird. «Das ist meine erste Baustelle mit Winterpause – und die erste, bei der ich mit Lawinensprengungen zu tun habe», sagt der Ingenieur und blickt ein wenig nachdenklich aus seinem Bürofenster auf die schneebedeckten Berge.

Infoarena Albulatunnel
Das Projekt «Neubau Albulatunnel» wird in Preda in der Infoarena auf spannende Weise erläutert. Die rote Baustellenwand vermittelt interessante Facts und bietet spielerische Elemente für Jung und Alt.
Im Infopavillon gibt es vertiefte audiovisuelle Informationen. Weiter werden Baustellenführungen angeboten.
www.rhb.ch/albulatunnel