Kultur

Bündner Kunst­museum: geglückte Erweiterung

Bündner Kunst­museum: geglückte Erweiterung - Kultur

Am Churer Kunsthimmel leuchtet ein alter Stern neu auf: Das Bündner Kunstmuseum wurde in knapp zweijähriger Bauzeit renoviert und erweitert; neben der historischen Villa Planta steht seit Sommer 2016 ein moderner kubischer Neubau. Eine – vielleicht überraschend – harmonische Ergänzung. Museumsdirektor Stephan Kunz erklärt im Gespräch, was das neue Museum bietet.

Stephan Kunz, warum brauchte das Bündner Kunstmuseum diesen Erweiterungsbau?
Ganz einfach: Wir sind aus allen Nähten geplatzt. Die Villa Planta ist ein ehemaliges Privathaus, das insbesondere für Wechselausstellungen wenig Platz bietet. Und der alte Sulser-Bau nebenan war als Naturmuseum konzipiert und hat damit auch nicht mehr den heutigen Ansprüchen an ein Kunstmuseum genügt.

Nun wurde die Villa Planta renoviert und mit einem modernen Neubau ergänzt. Wie fügen sich der alte und der neue Bau zusammen?
Das Zusammenspiel der zwei Häuser funktioniert gut – darüber bin ich sehr glücklich. Die Villa besteht aus intimen Zimmern und kleinen Kabinetten mit viel Charme, die aber limitierte Möglichkeiten bieten. Da hilft uns nun der Neubau mit seinen grossen neutralen Räumen.

Können Sie noch etwas detaillierter ausführen, wie sich die beiden Gebäude unterscheiden – was der alte und der neue Museumsteil bieten?
In der historischen Villa Planta ist die Sammlung mit Fokus auf die Giacometti-Familie untergebracht. Das Haus wurde nur sanft renoviert, schliesslich ist es denkmalgeschützt und wurde in den 80er-Jahren bereits vorbildlich restauriert. Nun wurde frische Farbe aufgetragen und ein neues Lichtkonzept installiert. Der kubische Neubau der Architekten Barozzi / Veiga ist modern und geräumig und bietet uns auf zwei Stockwerken mit einer offenen Raumstruktur und hohen Wänden viel Platz für einen weiteren Teil unserer Sammlung sowie wechselnde Sonderausstellungen.

Gibt es auch inhaltlich eine Veränderung, eine Neuausrichtung?
Grundsätzlich bauen wir auf dem Bestehenden auf, bieten aber auch Platz für neue Kunstformen – beispielsweise mit dem «Labor» im Neubau, wo wir Künstlern die Möglichkeit bieten, frei nach ihren Ideen etwas zu gestalten und vielleicht die klassischen Erwartungen der Besucherinnen und Besucher auch mal zu untergraben. Wir möchten unsere Herkunft, unseren Standort widerspiegeln, aber gleichzeitig eine inhaltliche Öffnung zulassen. Die Eröffnungsausstellung «Solo Walks – eine Galerie des Gehens», die Alberto Giacomettis Plastik «L’homme qui marche» zum Leitmotiv hat, steht programmatisch für dieses Vorwärtsschreiten: Wir gehen von hier, d. h. von unseren Wurzeln, aus und schlagen den Bogen nach aussen, zur internationalen Kunstszene.

Wo würden Sie denn das Bündner Kunstmuseum heute im Vergleich mit anderen Schweizer Kunst­museen einreihen?
Wir machen sicherlich einen Schritt in die nächste Liga. Ich sehe uns auf einer Höhe mit anderen mittelgrossen Kunstmuseen wie Luzern oder Winterthur. Unsere Ausstellungsfläche hat sich mit dem Neubau verdoppelt, die Wandfläche zum Aufhängen der Kunstwerke gar verdreifacht.

Was zeichnet Bündner Kunstschaffende aus?
Es ist tatsächlich bei vielen Bündner Künstlern eine kulturelle Prägung durch die hiesige Landschaft, die Natur, die Berge spürbar. Das soll nicht heissen, dass sie alle Bergbilder malen – die Verbundenheit zum Kanton zeigt sich unterschiedlich und unabhängig davon, in welchem Kunstbereich sie tätig sind.

Was geschieht aktuell in der Bündner Kunstszene?
Die zeitgenössische Kunst ist sehr vielseitig. Weil es hier keine Kunstausbildung gibt, verlassen viele junge Künstler Graubünden – und diese Begegnung und die Auseinandersetzung mit dem Anderen prägt sie. Trotzdem habe ich den Eindruck, dass auch junge Kunstschaffende eine Verbundenheit zu Chur, zu ihrem Heimatkanton haben, und manchmal kehren sie auch hierher zurück. Es ist natürlich meine Hoffnung, dass sie auch eine Verbundenheit zu unserem Kunstmuseum aufbauen.

 

Aktuelle Ausstellungen

Solo Walks – eine Galerie des Gehens, bis 6. November 2016
Neben Alberto Giacomettis Plastik «L’homme qui marche» werden in einem auf die Architektur des neuen Museums antwortenden Parcours Werke von 40 internationalen Künstlerinnen und Künstlern zum Thema Gehen gezeigt.

Tintarella di luna – Zilla Leutenegger, bis 6. November 2016
Die in Chur aufgewachsene Zilla Leutenegger bespielt als erste Künstlerin das «Labor» im neuen Museumsteil. Dunkle Bilder der Nacht zeigen Innenräume, die zum Ort einer besonderen Lichtszenografie werden.

80 Jahre Bündner Kunst, 4. Dezember 2016 bis 21. Januar 2017
Die Visarte-Sektion Graubünden feiert ihr 80-jähriges Bestehen. Die traditionelle Jahresausstellung findet im gesamten Neubau des Museums statt.

Neupräsentation der Sammlung
Mit Werken von Angelika Kauffmann, der Künstlerfamilie Giacometti, Ernst Ludwig Kirchner und vielen weiteren Kunstschaffenden, die alle einen engen Bezug zum Kanton Graubünden haben, wurde ein unverwechselbares Profil geschaffen. Dank der Museumserweiterung ist es möglich, repräsentative Teile
der Sammlung nun permanent auszustellen.