Tradition

Steinerne Zeitzeugen: die Puschlaver Crot

Steinerne Zeitzeugen: die Puschlaver Crot - Tradition

Im Valposchiavo, im südöstlichsten Zipfel des Bündnerlands, findet man eine jahrhundertealte Tradition, die es so sonst in Graubünden nirgends gibt: Die Crot – kuppelförmige Steinhäuser – dienten als kühle Lagerräume, manchmal gar als Wohnhäuser. Nur mit Steinen gebaut trotzen sie dem Lauf der Zeit.

«In der Gemeinde Brusio gibt es mehr als 200 Crot – verteilt von der Talsohle über die Maiensäss bis hinauf auf mehr als 2 000 Meter über Meer. Und wir finden immer wieder neue», erklärt Dario Monigatti, ehemaliger Lehrer und Gemeinderat in Brusio, heutiger Grossrat in Chur – und Lokalhistoriker. Neun Stück dieser Steinhäuschen stehen mitten im Dorf Brusio, auf einer Wiese. «Ich habe aus eigenem Interesse unzählige Informationen und Fotos zu den Crot recherchiert. Was mir bis heute ein Rätsel bleibt, ist die genaue Herkunft dieser Konstruktion.» Zwar findet man auch im Tessin, in Italien, Griechenland, Albanien, Frankreich oder Irland ähnliche Steinbauten – wo die einfache und dabei so effektive Bauweise ihre Wurzeln hat, ist jedoch nicht belegt. «Es wäre denkbar, dass päpstliche Truppen aus Italien über das Veltlin diese Konstruktionsweise zu uns gebracht haben. Wir haben Daten aus dem Jahr 1800 gefunden, aber ich vermute, dass die Bauweise noch sehr viel älter ist», erklärt Dario Monigatti.

«Im Innern der Crot ist es jahrein, jahraus konstant vier bis fünf Grad kalt.»
Dario Monigatti

Kühlschrank anno dazumal
Doch wie auch immer sich vor Hunderten von Jahren die Crot ihren Weg ins Valposchiavo gebahnt haben: Sie stehen bis heute als Zeitzeugen in der Gemeinde Brusio. Viele davon sind seit Jahrhunderten im Besitz derselben Puschlaver Familien, einige nutzen ihr Crot sogar heute noch. Wofür? Als kühle Lagerräume, wie bereits ihre Vorfahren. Die meisten Türen sind deshalb verschlossen, doch eine lässt sich öffnen. Im Innern ist es dunkel – und richtig kalt. «Die Crot sind uralte Kühlschränke, die ganz ohne Strom funktionieren. Die Temperatur im Innern bleibt während des ganzen Jahres konstant zwischen vier und fünf Grad Celsius.» Damit das funktioniert, ist die richtige Lage ausschlaggebend: schattig und am besten am Hang. An dieser Stelle wird dann mehrere Meter in die Tiefe gegraben. «Es gibt sogar Crot, durch die ein kleiner Bach fliesst. Zur Kühlung der Milch auf der Alp oder dem Maiensäss war das früher besonders praktisch.» Heute lagern in den Steinhütten Kartoffeln, Gemüse, Wein oder Trockenfleisch, das an Eisenstangen in der Luft hängt. Einige Crot seien auch als Wohnhäuser genutzt worden: «Die zwei grossen Crot in Viano und Cavaione oberhalb von Brusio waren früher bewohnt», so Monigatti.

Standhaft über Jahrhunderte
Gebaut werden die Crot nach dem Prinzip des «falschen Bogens», bei dem die Bogensteine überlappend angeordnet sind. Von unten nach oben werden die Steine in einer doppelten Schicht kreisförmig aufeinandergesetzt; eine Konstruktion, die komplett ohne Mörtel auskommt. Die Steine der inneren Wand werden exakt so angeordnet, dass Regen nicht ins Häuschen eindringen kann, sondern zwischen den zwei Steinschichten abfliesst. So bleibt der steinerne Lagerraum trocken und wird gleichzeitig vom Wasser gekühlt. Während unten grosse und schwere Steinbrocken zum Einsatz kommen, werden diese nach oben hin immer kleiner. Über der Tür befindet sich eine schwere, grosse Steinplatte, die für Stabilität sorgt. Die Tür selbst – aus Holz – ist klein und niedrig, nur wer den Kopf einzieht, gelangt unbeschadet in den geräumigen, hohen Innenraum. «Die Türen sind bewusst so klein gebaut. So kann weniger Wärme eindringen und weniger Kälte austreten», erklärt der gebürtige Puschlaver. Diese überlieferte Bauweise sei sehr stabil: «Erst vor wenigen Jahren mussten wir unsere Crot hier in Brusio renovieren, weil sie nach Jahrhunderten in Wind und Wetter aussen zerfallen waren – im Innern waren sie aber noch immer intakt.» Die Gemeinde erhielt für die Renovationsarbeiten zwar Subventionen, rund 10 bis 15 Prozent haben die Besitzerfamilien allerdings selbst in die Erhaltung investiert.

Eine Konstruktion, die fasziniert
Die Bauweise der Crot stösst vielerorts auf Interesse und Bewunderung. Die Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia zeichnete die spezielle Konstruktion 2012 aus und liess eigens eine Briefmarke kreieren. «Auch Architekten kommen hierher, um sich unsere Crot anzuschauen», sagt Monigatti. Der Bau der Steinhäuschen will nämlich gelernt sein: Die Steine richtig zu bearbeiten und in die passende Form zu bringen, braucht ein sehr geübtes Auge. «Wir haben für die Renovation einen Italiener aus dem Veltlin gefunden, der diese Bauweise noch kannte. Leider ist er jedoch vor Abschluss der Arbeiten verstorben. Wer die Crot gut kennt, sieht relativ schnell, welche Bauten er und welche die neuen Arbeiter renoviert haben.» Eines der Puschlaver Crot steht übrigens unmittelbar bei einer anderen Sehenswürdigkeit: dem Kreisviadukt von Brusio.