Mythen und Märchen

Schellen-Ursli gibt nicht auf

Schellen-Ursli gibt nicht auf - Mythen und Märchen

Es ist eines der berühmtesten Kinderbücher der Schweiz. Mit Xavier Koller verwandelt nun einer der bekanntesten Regisseure des Lande das Buch in einen märchenhaften Film: 70 Jahre nach der ersten Veröffentlichung kommt der Schellen-Ursli ins Kino.

Leise knirscht der Schnee unter Uorsins Sohlen. Sein Atem formt in der kalten Nachtluft helle Wolken, während er langsam schnaufend einen Schritt vor den anderen setzt. Die Bäume werfen im Mondlicht lange Schatten, ab und an ruft ein Tier. Doch Uorsin lässt sich nicht einschüchtern. Schliesslich hat er ein Ziel: Er will die grosse Glocke aus dem Maiensäss seiner Eltern holen. Denn Uorsin wird sich am Chalandamarz nicht hänseln lassen, weil er mit der kleinsten Glocke durchs Dorf zieht. «Das wäre doch gelacht», denkt er und stapft mutig weiter.

«Die Story hat etwas Archaisches»
Geschichten wie diese erlebt jedes Kind: «Man ist der Kleinste, Dickste, der gehänselte Aussenseiter», sagt Peter Reichenbach. Und genau darin lag für den Produzenten der Reiz an der Verfilmung der berühmten Figur: «Man will nicht gehänselt werden, sondern es allen zeigen – das ist sehr menschlich, auch bei Erwachsenen. Das hat etwas Archaisches, das mich schon immer fasziniert hat.» Umso erstaunlicher, dass der Film zum Buch erst jetzt in die Kinos kommt. Bislang existiert lediglich eine rund 20-minütige Verfilmung aus den 60er-Jahren – ein Werbefilm für Schweiz Tourismus. Doch aus einem Buch einen Kinofilm zu machen, ist komplizierter als gedacht. Peter Reichenbach: «Zunächst muss man die Rechte erwerben, was oft nicht ganz billig ist. Dann muss man aus einer kleinen Geschichte eine abendfüllende Story machen – alles in allem kann so etwas gut sieben, acht Jahre dauern.» Auch beim «Schellen-Ursli» musste die Geschichte ausgebaut werden - unter anderem deshalb brauchen Autoren allein für ein gutes Drehbuch zwei, drei Jahre. Sobald das Drehbuch dann in groben Zügen steht, macht sich die Produktionsfirma auf die Suche nach mehreren passenden Regisseuren. Beim «Schellen-Ursli» war das anders. Peter Reichenbach kennt Xavier Koller seit 25 Jahren und wusste genau, «dass er von den Schweizer Regisseuren der Richtige ist. Er kann gut mit der Zeit umgehen, in der Buch und Film spielen.» Peter Reichenbach stiess bei Xavier Koller sofort auf offene Ohren: «Er erfüllte sich einen Bubentraum, indem er den Schellen-Ursli zum Leben erweckte.» Was jetzt noch fehlte, waren die Schauspieler. Weil beim «Schellen- Ursli» Kinder die Hauptrollen spielen, veranstaltete Peter Reichenbachs Produktionsfirma C-Films ein riesiges Casting. Das Rennen für die Hauptrolle machte der elfjährige Jonas Hartmann aus Churwalden. «Jonas ist gewieft, er hat Lust am Spielen und Charisma. Bühnen- bzw. Leinwandpräsenz ist nicht erlernbar», erzählt Peter Reichenbach. Kinder hätten noch Spielfantasie: «Sie reflektieren im Gegensatz zu Erwachsenen nicht über ihre Wirkung. Man fragt sie oft einfach, wie sie in einer bestimmten Situation reagieren würden. Und schon kreieren sie einen Charakter.» Wichtig war auch herauszufinden, ob die Kinder den oftmals harten Drehtagen gewachsen sind und ob Regisseur und Schauspieler zueinander passen. Also ging es auch beim «Schellen-Ursli» für ein paar Test-Drehtage in die Berge. Unverzichtbar ist für Peter Reichenbach die Zusammenarbeit mit den Eltern: «Wir holen sie mit ins Boot und nehmen auch Kontakt zu den Schulen auf, um den Nachhilfeunterricht zu organisieren.» Was die Kinder in der Schule vielleicht verpassen, holen sie jedoch in Sachen Lebenserfahrung locker auf: «So ein Dreh ist eine einmalige Sache: Die Kinder lernen, im Team zu arbeiten und sich aufeinander zu verlassen.» Gedreht wurde schliesslich gegenüber von Ardez, im kleinen Dorf Sur En – selbstverständlich in Mundart. Die Geschichte ist im Unterengadin beheimatet, den Klang dieser Gegend darf man durchaus hören. Ab und an lassen die Schauspieler rätoromanische Alltagsfloskeln fallen, die gang und gäbe sind: «Der Dialekt im Unterengadin hat eine schöne Sprachfarbe», sagt der Produzent. «Doch der Film muss in der ganzen Schweiz zu verstehen sein.»

Acht Wochen verbrachte die Crew im vergangenen Herbst und Winter im Unterengadin und versetzte Sur En zurück ins 20. Jahrhundert. Die Geschichte des Schellen-Ursli spielt irgendwann zwischen 1900 und 1945; zu einer Zeit, in der man noch mit Pferdeschlitten fuhr und nah dran war an der Natur. Um das Dorf noch originalgetreuer aussehen zu lassen, ergänzte das Filmteam die Kulisse sogar um einige Gebäudefassaden. Sehr praktisch für die Dreharbeiten: Sur En wird lediglich von einer Familie dauerhaft bewohnt, weshalb der Dreh nicht allzu viele Menschen in ihrem Alltag einschränkte. Peter Reichenbach schwärmt von den Dreharbeiten: «Die Bevölkerung hat uns extrem unterstützt, ebenso wie sämtliche Institutionen.» Das war wichtig, denn der Drehort lag nicht gerade zentral. Für die An- und Abreise von Mensch und Material setzte die Produktionsfirma meist auf die Rhätische Bahn: Sogar die Abfälle vom Set transportierte diese wieder ins Unterland. Und weil die Rhätische Bahn das Engadin bereits vor 100 Jahren prägte, bekam sie sogar eine kleine Statistenrolle im neuen Schellen-Ursli-Film: Ein letztes Zischen der Dampflok, bevor der Zug hinter den Bergen verschwindet und Uorsins Mami in die Stadt bringt. Sie muss weg zum Arbeiten, weil es im Dorf nicht genug zu tun gibt. Uorsin bleibt traurig zurück. Doch er weiss ganz genau: Aufgeben gilt nicht. Denn am Ende wird doch alles gut.