Clà Ferrovia

Räume öffnen für die Kindheit

Räume öffnen für die Kindheit - Clà Ferrovia

Kinder entdecken mit Clà Ferrovia das Bündnerland – dank der Geschichten, die Linard Bardill erfindet. Sie entstehen im Atelier des Musikers und Autors, in dem manchmal auch der Kinder-Kondukteur vorbeischaut.

Es regnet nicht. Es schüttet. Idyllisch schmiegt sich Scharans an die Hänge des Domleschg. Aber heute wirkt sogar dieses hübsche Dorf recht trostlos. Das weinrote Atelier von Linard Bardill hebt sich an diesem Morgen wohltuend gegen den grauen Himmel ab. Das Haus des Bündner Star-Architekten Valerio Olgiati ist an sich schon einen Besuch wert. Aber heute spielen die Personen im Inneren des Ateliers die Hauptrolle.

Der Zwerg von der Alp im Wallis
Linard Bardill öffnet die mächtige Schiebetüre. Drin ist es heimelig warm, am Boden steht eine Klangschale neben einem Meditationskissen und Kaffeeduft liegt in der Luft. Hier entstehen sie also, die Geschichten vom Kinder-Kondukteur Clà Ferrovia. Hier holt sich der Musiker und Autor Bardill seine Inspirationen, findet er Ruhe zum Nachdenken und Arbeiten. Das mit den Kindergeschichten begann, nachdem Linard Bardill vor 24 Jahren auf einer Alp im Wallis einen Zwerg gesehen hatte. «Es war ein katzenartiges Wesen mit langen, grauen Haaren, das hinter einem Käsekessel stand», sagt er mit ernstem Blick, während er auf Clà Ferrovia wartet. Linard Bardill zückt seine Pagelli-Gitarre, knippst die Saiten durch und beginnt, neue aufzuziehen. «Claudio Pagelli ist mein Nachbar – und einer der renommiertesten Gitarrenbauer. Weil er der Gitarre an die Wäsche gegangen ist und sie grundsätzlich verändert hat.» Aus der Nachbarschaft entstand Freundschaft, und nach vier bis fünf Jahren eisernen Sparens hielt Linard Bardill seine eigene Pagelli-Gitarre in Händen. «Claudio passt jede Gitarre dem späteren Besitzer an, um zu vermeiden, dass die Frequenz der Gitarre die der Stimme auslöscht.» Manchmal darf die wertvolle Pagelli sogar mit Clà Ferrovia auf Reisen gehen – aber in der Regel nimmt Linard Bardill dann seine «Wandervogel-Gitarre aus den 20er-Jahren» mit.

Von wegen Clà Ferrovia. Linard Bardill legt die Pagelli zur Seite und öffnet die Schiebetür für Marius Tschirky. Begrüssung mit Handschlag, eine herzliche Umarmung und warmes Gelächter. Tschirky verschwindet gleich wieder, um nach wenigen Minuten in voller Montur als charmanter Clà Ferrovia zurückzukehren. Der Kinder-Kondukteur wohnt und lebt in der Rhätischen Bahn, Linard Bardill ist sein «Soundtrack». Die Geschichte des Kondukteurs begann vor fünf Jahren: «Wir hatten damals fünf echte Kondukteure der RhB zur Auswahl», erzählt Bardill. «Aber uns war schnell klar, dass wir einen Profi brauchen – in einem Waggon von 1870 voller Kinder ist es laut, im Tunnel gibt es kein Licht. Da muss man gut mit Kindern können.»

Der rockende Naturpädagoge
Gut mit Kindern umgehen, das kann Clà Ferrovia alias Marius Tschirky. Der Naturpädagoge leitet Kurse und Workshops für Lehrer, die mit Kindern in den Wald gehen wollen, und hält Referate zum Thema. Und er ist Autor, Produzent und Kindermusiker – als Marius von Marius & die Jagdkapelle. «Ich habe schon mit 16 Jahren am Open Air St. Gallen auf der Hauptbühne gespielt», sagt Tschirky und ein wenig Stolz schwingt in seiner Stimme mit. Auch, dass er gerne mit Kindern arbeitet, hat sich früh ergeben: «Die Kinder in der Nachbarschaft sind immer gerne zu mir gekommen. Sie haben gemerkt, dass ich mich für sie interessiere.» Aus dem Babysitter-Job wurde ein Beruf aus Berufung: Kindergärtner. Und mit einer eigenen Philosophie, die Marius Tschirky auch auf den RhB-Fahrten als Clà Ferrovia umsetzt. Ihm ist es wichtig, dass Kinder Vertrauen haben – zu Pädagogen wie ihm, zu der Gruppe. Denn: «Ein Kind, das Angst hat, lernt nicht, das ist nicht glücklich», zitiert er den Schweizer Pädagogen Heinrich Pestalozzi.

Und zu lernen gibt es auf den Fahrten mit Clà Ferrovia jede Menge. Über Gnome, Steinohreulen, Windfrauen – eben Elementarwesen, die im Blumenland, Farbenland, Lichterland leben. «Jemand, der mit Kindern arbeitet, muss Räume öffnen können», sagt Linard Bardill. Räume für die magischen Elemente des Lebens, die in den heutigen Kinderbiografien oftmals viel zu schnell verloren gehen. Marius Tschirky kritisiert diesen Trend – dazu, schon kleine Kinder wie Erwachsene zu kleiden, den Trend zur Verschulung des Kindergartens. Linard Bardill stimmt ihm zu: «Bis zum Zahnwechsel wären Märchen angesagt.»

Märchen, Geschichten wie die von den Elementarwesen entstehen im Kopf von Linard Bardill oder auch im Gespräch. Marius Tschirky merkt sich die wichtigsten inhaltlichen Punkte, erzählt sie bei seinen Fahrten frei und improvisiert an allen Ecken und Enden. «Ich kann gar kein Skript haben», sagt er lachend und nimmt die Mütze ab. Überhaupt, diese Uniform. Sie imponiert nicht nur den Kindern, sondern auch den Grosseltern, die ihre Enkel begleiten: «Clà Ferrovia ist auch zu älteren Menschen charmant – ich komme einfach ins Abteil und schwatze mit den Leuten», sagt Marius Tschirky und schnappt sich die Wandervogel-Gitarre von Linard Bardill. Dieser nimmt seine Pagelli in die Hand. «Ami Sabi, guete Tag …», schallt es durch das Atelier. Clà Ferrovia muss üben, im Sommer 2016 wird er auf Ami Sabi treffen. Die Musik erfüllt den Raum, die schlechte Laune des Regens bleibt draussen. Hier drin ist alles nur noch Fantasie.

Kunst an der Gitarre

Kunst an der Gitarre

Vielleicht sind es die Ruhe und die Abgeschiedenheit von Scharans, welche die nötige Musse und Präzision ermöglichen, um weltberühmte Gitarren zu bauen. Hier entstehen nämlich in den geübten Händen von Claudio Pagelli bis ins Detail stimmige Zupfinstrumente, die von diesem kleinen Dorf in der Nähe von Thusis ihre Reise in die grosse weite Welt antreten.