UNESCO Welterbe RhB

Mit dem Lama ins Wanderglück

Mit dem Lama ins Wanderglück - UNESCO Welterbe RhB

In ihrer Heimat, den südamerikanischen Anden, leben Lamas in einer Höhe von bis zu 4 000 Metern. Filisur im Albulatal ist mit seinen gut 1 000 Metern über dem Meeresspiegel also kein Thema für Pepino und seine Kollegen. Die fünf Lamas sind auf dem Biohof Las Sorts von Sabina und Marcel Heinrich zu Hause und haben einen aufregenden Job: Sie lassen sich von Touristen durch die einmalig schöne Landschaft inmitten des UNESCO Welterbes der RhB führen.

Noch ist Klaus ein wenig schüchtern. Er blinzelt eifrig mit seinen langen Wimpern und schnuppert sachte an den Händen seiner Gäste. Der zwölfjährige Hengst gilt als bedächtiger Zeitgenosse, der Ruhe und Gelassenheit in die Herde bringt. Nach einigen Minuten lässt er sich streicheln; sein Fell ist weich und dicht, sein Atem warm. Ab dem Moment, in dem Klaus sein Gestell trägt, auf dem er das Gepäck der Touristen transportiert, akzeptiert er lautlos, dass ein Fremder ihn durchs Gelände führt. Solange seine Kollegen dabei sind, ist für Klaus die Welt in Ordnung.

Ein Kamel im Engadinerhaus
«Lamas sind sehr zurückhaltend, aber dennoch neugierig», erklärt Anouk Federspiel sogleich. «Sie sind absolute Herdentiere. Man kann nie ein einzelnes Tier zurücklassen – und ein einzelnes Lama würde niemals alleine mit auf eine Tour gehen.» Anouk Federspiel kümmert sich auf dem Hof der Heinrichs gemeinsam mit Ariane Berger und deren Mann Tobias um die Tiere, organisiert und begleitet Touren. Vor Jahren hatte Marcel Heinrich in einem alten Engadinerhaus in Filisur ein Sgraffito mit einem Kamel entdeckt. Weil er auf seinem Hof Kartoffeln anbaute, die ursprünglich ebenfalls aus Südamerika stammen, reifte langsam die Idee, Lamas – Neuweltkamele – zu halten. Ariane Berger, eine Freundin der Familie, stieg mit ein und kümmerte sich um das weitere Standbein des Hofs, der somit im Tourismus Fuss fasste. «Wir kauften Lamas und trainierten mit ihnen – etwa, wie man das Halfter anlegt», sagt Anouk Federspiel. Marcel Heinrich brachte viel Erfahrung aus der Haltung von Pferden, Eseln und Kühen mit, was hilfreich beim Schneiden der Klauen, beim Scheren und Entwurmen war. Was das Futter angeht, sind Lamas genügsam: «Sie geben sich auch mit dem nicht gerade saftigsten Gras zufrieden.» Auf Las Sorts leben die fünf Lamas im Sommer auf verschiedenen Weiden. Den Winter verbringen sie in einem Stall, von dem aus sie nach draussen können, wo es zusätzlich einen trockenen, windgeschützten Unterstand gibt. Schutz vor Wind und Wetter ist für Lamas wichtig, obwohl sie ihr dickes Fell vor Kälte schützt. Das Haarkleid nutzt auch dem Menschen: Die Heinrichs scheren ihre Tiere regelmässig und stellen aus dem Fell Wolle und Filz her.

Freier Blick aufs RhB-Wahrzeichen
Der Strick liegt angenehm in der Hand. Nicht zu leicht, nicht zu schwer. Er wippt wie im Takt, passend zu Klaus’ Atemgeräuschen und dem Klappern seiner Hufe. Aus dem Dorf hinaus geht es über Stock und Stein in Richtung Wald. Die Lamas und ihre selbst ernannten Führer gehen in einer langen Reihe. Nach und nach verstummen die Gespräche, dafür wird die Natur gegenwärtiger. «Mit Lamas zu spazieren, hat etwas Meditatives», flüstert Anouk Federspiel. «Die Tiere bewegen sich langsamer und gemütlicher als wir Menschen, wir müssen uns ihrem Tempo anpassen.» Plötzlich lichtet sich der Wald. Lamas und Wanderer laufen auf eine Plattform zu – von der sich wie aus dem Nichts ein unvergesslicher Blick auf den berühmten Landwasserviadukt öffnet. Pünktlich zur vollen Stunde rauscht der Zug von St. Moritz heran; die roten Waggons machen das Wahrzeichen der RhB komplett. Die Gruppe ist aufgeregt, vor allem die Kinder erzählen sich immer wieder, wie genau sie den Zug beobachtet haben. Eine Sechsjährige hält geschickt den Strick von Lama Emilio, ab und zu gibt sie ihn an ihren zweijährigen Bruder ab, der auf Papas Rücken im Tragerucksack sitzt. Nach ein paar Metern kehrt wieder Ruhe ein. Es scheint zu stimmen: Die Lamas haben eine höchst beruhigende und ausgleichende Wirkung. «Die Lamas sind gerne unterwegs», erzählt Anouk Federspiel beim Laufen. «Nicht umsonst wurden sie in den Anden vor allem als Lasttiere genutzt, die auch grosse Höhenunterschiede zurückgelegt haben.» Je näher die Gruppe dem Hof kommt, desto schneller laufen die Tiere. Anouk Federspiel sagt schmunzelnd: «Aber die Lamas freuen sich auch, wenn sie wieder auf ihre Weide können.» Beim Absatteln und Bürsten der Tiere erzählt die Lama-Flüsterin von den übrigen Touren, die ab dem Hof Las Sorts starten. Zum Ausprobieren eigne sich eher die «Rundtour Aussichtspunkt», die ebenfalls durch den Zauberwald und zum Landwasserviadukt führt, aber lediglich zwei Stunden dauert. «Auf dem ‹Holzweg› läuft man auch nur zweieinhalb Stunden, lernt viel über das Thema Holz und kann sogar den Kinderwagen mitnehmen.» Ein Highlight sei die Zweitagestour: «Sie ist abenteuerlicher und anspruchsvoller zum Laufen; dafür wird man mit einer unvergesslichen Abendstimmung belohnt. Übernachtet wird im Heu – im Maiensäss der Familie Heinrich in Falein, oberhalb von Filisur.» Die Lamas aus Filisur sind das ganze Jahr über unterwegs, Hochsaison jedoch ist in den Sommer- und Herbstferien. Weil die Touristen im Winter tagsüber am liebsten Ski fahren, nehmen die Lamas ihre Gäste meist abends mit auf grosse Wanderschaft. Anouk Federspiel: «Bei der Tour ‹Winterzauber› laufen wir in der Dämmerung mit Fackeln zum Landwasserviadukt. Später gibt es zum Aufwärmen im Tipi auf dem Hof Fondue über dem offenen Feuer.»

Lässige Eleganz
Inzwischen sind alle Lamas abgesattelt und gebürstet. Als Belohnung für die nette Begleitung auf dem Weg zum UNESCO Welterbe gibt es Rüebli und ein paar letzte Streicheleinheiten. Schnurrt Klaus etwa wie ein Kätzchen? Das war wahrscheinlich Einbildung. Auf alle Fälle schnuppert er schon viel vertrauter an Händen und Wange seines Guides. Die Gruppe führt die Tiere zurück auf die Weide und nimmt die Halfter ab. Was für ein Erlebnis – und keines der Lamas hat gespuckt! Das machen die Neuweltkamele meist untereinander, wenn sie Macht demonstrieren oder sich verteidigen müssen. Auf dem Rückweg zum Hof gerät Anouk Federspiel nochmals ins Schwärmen: «Lamas haben einen so lässigen Charakter. Sie sind zurückhaltend, haben aber keine Angst und suchen Kontakt. Esel wären mir zu störrisch, Geissen zu nervös. Es ist diese Eleganz, die mich mitreisst und immer wieder runterholt.»