Aus der Werkstätte

Kunst an der Gitarre

Kunst an der Gitarre - Aus der Werkstätte

Vielleicht sind es die Ruhe und die Abgeschiedenheit von Scharans, welche die nötige Musse und Präzision ermöglichen, um weltberühmte Gitarren zu bauen. Hier entstehen nämlich in den geübten Händen von Claudio Pagelli bis ins Detail stimmige Zupfinstrumente, die von diesem kleinen Dorf in der Nähe von Thusis ihre Reise in die grosse weite Welt antreten.

Er klopft auf die Gitarrendecke und lauscht dem Klang des Holzes, feilt ein kleines Holzstück für das Schallloch von Hand in Form, prüft mit Kennerblick die Wölbung des Instruments. Wenn Claudio Pagelli ans Werk geht, setzt er all seine Sinne ein: «Ich verlasse mich auf mein Gehör, meine Hände, mein Auge.» Handarbeit mit geschulter Intuition, vom Anfang bis zum Ende. «Ich habe mir erlaubt, für ein besonders gefragtes Gitarrenmodell eine Schablone herzustellen. Davon abgesehen sind meine Gitarren meist Einzelstücke, die ich von Hand anfertige. Ich muss spüren, wie sich das Holz unter meinen Händen entwickelt – etwas, das Maschinen nicht können.»

Das richtige Holz für den richtigen Klang
Der Gitarrenbau ist seit vielen Jahren ein Teil von Claudio Pagellis Leben. Schon mit 19 Jahren machte er sich selbstständig: Nach der Lehre als Klavierbauer – eine Gitarrenbauerlehre gab und gibt es nicht – arbeitete er bei einem Gitarrenbauer, bis er dann seine eigene Werkstatt eröffnete. Seit acht Jahren steht diese Werkstatt in Scharans, deren grosse Fensterfront den Blick über Wiesen und Bäume hinweg bis zum Heinzenberg und dem Piz Beverin weist. Wo doch Pagellis Liebe zur Gitarre gar nicht idyllisch, sondern mit lautem Getöse begann: «In meiner Jugendzeit in den 70er-Jahren gab es die Hippiebewegung oder das Bürgertum. Mich beeindruckten natürlich die Hippies – die Elektrogitarren, die mit ihren lauten Klängen scheinbar Wände zum Einstürzen brachten, für Chaos sorgten. Als Zehnjähriger spielte ich zum ersten Mal selbst Gitarre, mit 13 baute ich mir aus einer Spanplatte meine erste eigene Gitarre.» Heute sind es die «leisen Töne», die seine Leidenschaft an der Arbeit aufrechterhalten: Es ist das präzise Handwerk, das Holz als lebendiger Werkstoff, das Claudio Pagelli auch nach 36 Jahren noch fasziniert. «Wenn ich Musik höre oder Menschen treffe, dann sehe ich verschiedene Holzarten vor mir. Meine Aufgabe als Gitarrenbauer ist es, die Klangvorstellungen der Kunden mit dem richtigen Holz zu kombinieren.» Und Holz – so viel kann auch ein Laie sicherlich rasch nachvollziehen – ist nicht gleich Holz. Er arbeite gerne mit Riegelahorn, einem einheimischen Holz, das sich für die Jazzgitarre sehr gut eigne. «Für die Gitarrendecke verwende ich in der richtigen Mondphase geschlagene Bergfichte: Dieser Baum wächst langsam und hat deshalb feine Jahresringe, was das Holz trotz leichtem Gewicht besonders stabil macht.» Um alle Kundenwünsche zu erfüllen, finden sich aber auch Hölzer aus aller Welt in Pagellis Werkstatt. Ohne langes Suchen zieht er die schönsten Stücke aus dem Gestell hervor und präsentiert die aussergewöhnlichsten Maserungen – Claudio Pagelli kennt seine Hölzer in- und auswendig. «Holz ist eine Sucht! Ich kaufe einfach alles, was mir gefällt», sagt er lachend und begutachtet ein Stück Holz, um die schönste Maserung für die Gitarre zu entdecken.

Wichtigtuerei? Nein danke!
Das Ergebnis dieser Leidenschaft und Handwerkskunst sind akustische und elektrische Gitarren, aber auch Bässe und – die Kür – exklusive Jazzgitarren, die von der Werkstatt in Scharans bis auf die grossen Bühnen in
der ganzen Schweiz, in Italien, in Russland oder den USA reisen. Ein paar berühmte Namen gefällig? Claudio Pagelli winkt ab: «Auf unserer Website sind einige berühmte Gesichter zu sehen, aber ich mag dieses Namedropping nicht so gerne. Natürlich bin ich stolz, wenn unsere Gitarren an berühmte Käufer gehen, aber wir zelebrieren das nicht so öffentlich. Berühmte Namen ziehen die falschen Leute an – Möchtegerns mit wirren Ideen, die aber von Musik keine Ahnung haben.» Da sei ihm die Musiklehrerin, die für ihre Gitarre lange gespart habe und mit der er in seiner Werkstatt ein persönliches Gespräch führen könne, viel lieber. Die meisten Abnehmer seien sowieso normale Leute, vom Profi-Musiker bis zur Hausfrau. Allerdings müssen diese schon einen rechten Sparbatzen zur Seite legen, bevor sie sich eine Pagelli-Gitarre leisten können: Eine Jazzgitarre – im Fachjargon übrigens «Archtop» genannt – kostet ab 20 000 Franken. Weiss man allerdings, dass Pagelli dafür rund 250 Stunden Arbeit investiert, relativiert sich der Preis ganz rasch.

«Wenn man auf jedes Detail achtet, entsteht etwas Aussergewöhnliches!»
Claudio Pagelli

Mit Herzblut gefertigt
Bei diesem Einsatz verwundert es nicht, dass fast jedes Instrument für Claudio Pagelli eine besondere Bedeutung hat. Die meisten Gitarren sind Auftragsanfertigungen, designt von Ehefrau Claudia, handwerklich umgesetzt von Claudio Pagelli, in ihrer ganz eigenen Formensprache: «Wir mögen schlichtes, ästhetisches Design, das sich dem Klang und der Funktionalität unterordnet.» Markenzeichen der Pagelli-Gitarre sind die speziell geformten Schalllöcher, die sogenannten F-Löcher, an denen Claudio Pagelli gut zwei Tage arbeitet. Vier Archtops verlassen im Schnitt pro Jahr die Scharanser Werkstatt. «Wenn ich eine Gitarre baue, hauche ich diesem Instrument Leben ein. Das braucht seine Zeit. Ich kann nicht schneller arbeiten, wenn ich fehlerlos arbeiten will. Nur mehr Stunden anhängen.» Besonders am Herzen liegen ihm eigene Projekte, die oft aus einer verrückten Idee heraus entstehen – wie die mit Swarovskisteinen bestückte Gitarre. Beim Verkauf dieser persönlichen Schmuckstücke fällt dem 55-Jährigen das Loslassen dann schon manchmal schwer: «Wenn ich merke, dass eine Gitarre nicht bei der richtigen Person gelandet ist, dann reut mich das.
Das kommt aber extrem selten vor. Doch ich habe aus diesem Grund auch schon eine Gitarre wieder zurückgekauft», so der Gitarrenbauer. Eine Pagelli-Gitarre sei ein High-End-Produkt, das auch nach der entsprechenden Behandlung verlange und das man nicht achtlos in der Sonne oder im Schnee stehen lassen könne: «Wir sprechen von lebendigem Material, das sich verziehen kann, wenn man ihm keine Sorge trägt. Das müssen unsere Kunden verstehen.» Und welchen Namen hätte er noch gerne auf seiner Kundenliste? Claudio Pagelli schaut aus dem grossen Fenster und überlegt. «Für Chris Whitley hätte ich gerne eine Gitarre gebaut, er war ein grossartiger Spieler, lebt aber leider nicht mehr. Oder für George Benson – aber nicht den Benson von heute, sondern jenen aus den 70er-Jahren!»

Räume öffnen für die Kindheit

Räume öffnen für die Kindheit

Kinder entdecken mit Clà Ferrovia das Bündnerland – dank der Geschichten, die Linard Bardill erfindet. Sie entstehen im Atelier des Musikers und Autors, in dem manchmal auch der Kinder-Kondukteur vorbeischaut.