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Gipfelstürmer im Schnee

Gipfelstürmer im Schnee - Powerplay

Hören, wie der Schnee unter den Ski knirscht. Spüren, wie der Wind um die nächste Bergkante pfeift. Sehen, wie der Gipfel immer näher kommt. Und sich schon mal auf die Abfahrt freuen. Tourengehen im Schnee fasziniert – auch Markus von Glasenapp und Nicolas Fojtu. Sie haben mit dem «Ski & Snowboard Tourenatlas Schweiz» das vermutlich umfangreichste Nachschlagewerk des Landes vorgelegt.

«In unserem Buch stecken wohl Tourenvorschläge für ein ganzes Leben», sagt Markus von Glasenapp. Er wählte die Touren, Gebiete und Gipfel aus, Nicolas Fojtu schoss die Bilder. So fanden mehr als 1 000 Routen auf 400 Gipfeln in den 30 besten Ski- und Snowboard-Tourenregionen der Schweizer Alpen den Weg in den Atlas. Ehrensache, dass es auch Routen im Bündnerland gibt. Zu den Startpunkten gelangt man am besten mit der RhB. Eine Auswahl der schönsten Routen gibt es hier im Contura – viele weitere auf der RhB Website unter RhB Tourentipps exklusiv zum Download.

Piz Bial – 3 061 Meter über dem Meer
Die Tour auf den Piz Bial startet in Preda. Oberhalb des verschlafenen Dorfs beginnt im Winter die Sperre des Albulapasses. Hier ist deshalb quasi die Welt zu Ende – der perfekte Startpunkt für eine aussergewöhnliche und etwas schwierigere Tour. Der Aufstieg erfolgt zunächst durch das Val Mulix mit einem der schönsten Arvenwälder Graubündens. Zugegebenermassen zieht sich die Tour hier etwas, doch der Anblick der Nordflanke des Piz Bial motiviert. Dann wird es anstrengend: Schon fast am Ziel, geht es für 200 Höhenmeter durch ein steiles und enges Couloir. Den Gipfel erreicht man schliesslich relativ leicht von Osten her. Endlich oben angekommen, bietet der Piz Bial dank seiner exponierten Lage einen überwältigenden Ausblick. Nach dem langen Aufstieg folgt die verdiente Belohnung – Felle ab und los! Die Abfahrt beginnt rasant und steil – direkt unterhalb des Gipfels geht es durch ein 42 bis 44 Grad steiles Couloir, bevor der Weg wieder auf die Aufstiegsroute trifft. Wer nach dieser Tour noch nicht genug hat, steigt von Preda aus auf den Igl Compass. Als Kontrastprogramm bietet sich die sechs Kilometer lange und somit längste beleuchtete Schlittelbahn Europas an. Sie führt von Preda nach Bergün, den berühmten Albulaviadukten entlang.


Unterkunft: Hotel Preda Kulm, www.preda-kulm.ch
Sonnenhof Preda, www.preda-sonnenhof.ch

Piz Cotschen – 3 031 Meter über dem Meer
Los geht’s in Guarda, dem berühmten Schellen-Ursli-Dorf. Hier lebte die Schöpferin des Kinderbuchhelden, Selina Chönz, und nutzte das Kleinod unter den Engadinerdörfern als Vorlage für ihre Bücher. Die RhB hält etwas unterhalb von Guarda. Mit dem Postauto gelangt man ins Dorf. Von dort beginnt die Route zunächst auf der geräumten Strasse in Richtung Bos-cha, danach geht es ins Gelände. Der Aufstieg ist mit 30 bis 34 Grad steilen, südexponierten Hängen in gut zweieinhalb Stunden machbar. Alternativ beginnt man in Ardez: Von hier über die Hütte Chamanna Cler dauert die Tour etwas länger. Unterhalb des Vorgipfels wird es kurzfristig steiler, hier ist Vorsicht geboten. Vom Vorgipfel läuft man zu Fuss über Felsen zum Hauptgipfel. Sind die Felsen verschneit, erfordert auch dieses letzte Stück etwas Übung. Die Abfahrt erfolgt über den direkten Südhang; die Alternative über die supersteile Ostflanke bietet sich nur bei absolut sicheren Verhältnissen an. Liegt genug Schnee, zieht man seine Schwünge bis Ardez.


Unterkunft: Hotel Piz Buin, Guarda, www.pizbuin.ch
Hotel Alvetern, Ardez, www.alvetern.ch
Berghütte Chamanna Cler für Selbstversorger, www.ski-ardez.ch

Chörbschhorn – 2 651 Meter über dem Meer
Eine Tour auf das Chörbschhorn ist der Klassiker in Davos. Obwohl sich der Luftkurort zu einem modernen Skigebiet entwickelt hat, bietet er immer noch die Möglichkeit, abseits der Pisten Ruhe und Beschaulichkeit zu finden. Das Chörbschhorn ist vor allem dann eine gute Option, wenn Nordhänge noch zu unsicher sind oder man im tiefsten Winter Lust auf Sonnenschein hat. Es gibt zwei Möglichkeiten, aufs Chörbschhorn zu gelangen: Der Aufstieg vom Skigebiet Schatzalp dauert rund zwei Stunden. Er ist abwechslungsreich
und man muss lediglich 300 Höhenmeter überwinden. Von Davos Frauenkirch aus läuft man dreieinhalb Stunden in steilerem Gelände (bis zu 34 Grad Steigung). Dafür kann man sich in der Stafelalp noch mit Kaffee und Kuchen stärken, bevor es ernst wird. Über den Erber Berg geht es in schöner Abfahrt bergab: Nach dem Gipfelhang braucht es viel Schwung, um eine Fläche zu überwinden. Dafür ist eine Waldschneise gegen Ende der Abfahrt ruppig zu fahren und teilweise recht steil.


Unterkunft: diverse Hotels in Davos, www.davos.ch

Tourengehen – so funktioniert’s
Auf den Geschmack gekommen? Einfach losgehen funktioniert leider nicht. «Wer Touren gehen möchte, muss erst die grossen Zusammenhänge von Wetter, Gelände, Schneebeschaffenheit und dem eigenen Handeln verstehen », sagt Markus von Glasenapp. «Hat man diese Grundlagen verstanden, ist es, als spreche man eine neue Sprache.» Diese gut zu beherrschen, kann überlebenswichtig sein. Am Berg drohen Gefahren wie Lawinen, Abstürze, Erschöpfungszustände sowie Blockaden. Ausserdem ein absolutes Muss: ein respektvoller Umgang mit der Natur, den Mitgliedern der Tourengruppe, anderen Tourengängern sowie sich selbst. Markus von Glasenapp empfiehlt, eine mehrtägige Grundausbildung zu absolvieren: «Dort lernt man von Profis die Grundlagen in Lawinenund Wetterkunde sowie das selbstständige Planen von Touren.» Zwei wertvolle Tipps vorab: niemals alleine losziehen und bei einem schlechten Bauchgefühl lieber umkehren Neben obligatorischem Wissen sind beim Tourengehen vor allem eine gute Planung sowie die Ausrüstung essenziell. Vor jeder Tour muss sich die Gruppe ein möglichst genaues Bild der aktuellen Situation machen. Infos liefern topografische Karten, der Wetterbericht sowie das Lawinenbulletin des Instituts für Schnee- und Lawinenforschung. Ist man einmal gestartet, sollte man das eigene Vorhaben immer wieder hinterfragen, sich Fehler eingestehen, Alternativen suchen und im Zweifelsfall eben umkehren. Weiter sollten alle Mitglieder einer Gruppe ähnlich ausgestattet sein – ein Schneeschuhwanderer ist auf Neuschnee zum Beispiel um einiges langsamer als ein Gruppenmitglied auf Tourenski. Jede Kleinigkeit will bedacht sein, «allein die vergessene Sonnencreme kann eine Tour scheitern lassen – vom fehlenden Pickel kurz unterm Gipfel ganz zu schweigen», sagt Markus von Glasenapp. Die Mitglieder der Gruppe sollten zudem über ähnliche Fähigkeiten verfügen – oder sich so ausrüsten, dass alle auf einem vergleichbaren Niveau laufen können. Darüber hinaus rät Markus von Glasenapp zu mehrtägigen Ausflügen: «Wenn man übernachtet, kann man die lokalen Verhältnisse besser beurteilen. Und man verbringt die schönsten Stunden des Tages in den Bergen: Sonnenauf- und -untergang.»