Tradition

Es wimmelt in der Herrschaft

Es wimmelt in der Herrschaft - Tradition

Strahlender Sonnenschein, die ersten bunten Blätter und ganz schön was los. Zur «Wimmlet», also zur Weinlese, ist eine Wanderung durch die Bündner Herrschaft besonders spannend.

Es pfeift schon fast im Ohr. Das ist doch nicht wirklich ein Vogel, der da ruft? «Nein, das ist ein künstlicher Sperberruf», sagt Bernhard Lampert lachend, während er eine Traube nach der anderen von der Rebe schneidet. Er hilft auf dem Weingut Eichholz von Irene Grünenfelder in Jenins «wenn Not am Mann ist» – oder eben jetzt, zur Lese. Mit dem Sperberruf verjagen die Winzer Kleinvögel wie Stare, die in ganzen Schwärmen auf den Weinbergen landen, um an den Weinbeeren zu naschen. Es scheint zu funktionieren, mit dem künstlichen Ruf. Kaum eine Weinbeere ist verdrückt. Ganz im Gegenteil: Die Trauben sehen aus wie aus dem Bilderbuch.

Das Verlesen der Trauben geht in diesem Herbst entsprechend schnell. Ganz zufrieden ist Winzerin Irene Grünenfelder dennoch nicht: «Die Qualität der Weinbeeren ist zwar sehr gut, aber die Menge ist schlecht.» Es war zu warm, und bei zu viel Föhn besteht zudem die Gefahr, dass die Trauben austrocknen. Perfekt wäre ein Herbst mit kühlen Nächten und nicht so hohen Temperaturen am Tag, «dann gibt es gute Aromen». Die Winzerin rangiert einen kleinen Traktor rückwärts in eine Halle, er hat gelbe Kisten voller Trauben geladen. Sie muss die Ernte zunächst wiegen, dann werden die Trauben maschinell entrappt. Übrig bleiben Fruchtfleisch, Haut und Kerne, aus denen später ein Pinot Noir wird.

Währenddessen sammeln sich die Erntehelfer am Rande der Weinberge. Hinter ihnen hebt sich das Haupthaus des Weinguts gegen den 2376 Meter hohen Vilan ab, die Sonne spiegelt sich in den Fenstern und die Bise pfeift durch die Weinstöcke. Zehn Helfer sind extra aus Frankreich angereist, ein paar sind Mitarbeitenden des Hotels Kronenhof in Pontresina, die an ihrem freien Tag in der Bündner Herrschaft arbeiten. Das Knattern des Traktors wird lauter, Irene Grünenfelder bringt die leeren Kisten zurück und sagt, wo es weitergeht mit der «Wimmlet».

Wandern im Spätherbst mit Hiking4Fun

Wandern im Spätherbst mit Hiking4Fun

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Sonnenterrasse mit Aussicht
Nach der Theorie kommt die Praxis. Ein paar Weinberge oberhalb des Weinguts Eichholz liegt die Weinstube Alter Torkel. Der Wind trägt das Klappern des Geschirrs weit durch die Rebstöcke – unterbrochen vom Scheppern eines weiteren Traktors, der auf seinem Anhänger Erntehelfer eines anderen Weinguts durch die Landschaft chauffiert. Doch die Terrasse des Alten Torkel liegt windgeschützt. Petunien strecken sich ein letztes Mal vor dem Winter der Sonne entgegen, die Gäste schwatzen geschäftig und haben fast jeden freien Platz besetzt. «Frischer Roter Jeninser Sauser von C. Obrecht» hat jemand auf die Tafel geschrieben, die an der Wand des gerade fertig gestellten Anbaus lehnt. Auf den derben Holzbänken der schlichten neuen Betonterrasse ist noch ein Tisch frei. Ein wahnsinniger Blick bis nach Chur, Weinberge und eine faszinierende Bergwelt, soweit das Auge reicht.

Susanne Bucher und ihr Team haben alle Hände voll zu tun. Die Chefin nimmt sich Zeit für ihre Gäste und erzählt vom sanften Umbau ihrer Weinstube. Die Küche befindet sich jetzt im Neubau, in dem 2016 der Graubünden-Wein-Erlebnisraum eröffnet wird, und die Terrasse ist grösser geworden. Ansonsten ist alles beim Alten geblieben im Torkel. Es gibt Wein aus der Umgebung und feines Essen. Nur der Ansturm, der wird sicher nicht geringer werden, wenn der neue Wein-Erlebnisraum eröffnet.

Im Frühling 2016 soll der neue Präsentationsraum von Graubündenwein eröffnen. In diesem Verein sind 96 Prozent aller Traubenproduzenten, Winzer und Händler der Bündner Herrschaft organisiert. Dem Verein gehört auch das Haus, in dem sich der Alte Torkel befindet. Da eine Sanierung anstand, kam die Idee auf, einen neuen Anbau als Präsentationsraum zu nutzen: Hier wird es eine Ausstellung – ergänzt durch einen Rundgang durch die Reben – sowie Degustationsmöglichkeiten geben. Die Führungen übernimmt jeweils ein ansässiger Winzer oder Traubenproduzent; Authentizität wird also grossgeschrieben.

Durch die Reben zum ältesten Weingut Europas
Der Abschied von der schönen Terrasse fällt schwer. Doch so ein vegetarischer Herbstteller und der rote Sauser wollen verdaut und abgebaut sein. Nach dem Parkplatz des Alten Torkel führt der Weinwanderweg rauf Richtung Norden. Durch die Rebberge geht es nach Rofels. Der Ortsteil von Maienfeld wird auch als «Heididörfli» bezeichnet. Doch das Heidihaus liegt etwas abseits des Weinwanderwegs und ist sicher einen separaten Ausflug wert. Stattdessen steht der Besuch eines weiteren Weinguts auf dem Programm. Über die Rofelsergasse und die Lurgasse gelangt man nach Maienfeld. Am nordwestlichen Rand liegt das Weingut Schloss Salenegg.

Durch den Torbogen von 950 gelangt man in einen kleinen Vorhof, durch das nächste Tor auf die Südseite des Schlosses. Palmen und Oleander empfangen die Gäste und versetzen sie sofort in mediterrane Stimmung. Heute ist es ruhig auf Schloss Salenegg. Die Trauben des ältesten Weinguts Europas sind erst morgen parat zum Ernten. Umso mehr Platz ist im Degustationsraum mit dem Torkel von 1658. Davor stehen die Weinflaschen – der Grösse nach geordnet wie die Orgelpfeifen. Und ein Tisch mit kleinen Essigfläschchen; so ungewöhnliche Sorten wie Minzessig, Verjus, Ingwer- und Krenessig sind zu einem weiteren Standbein von Schloss Salenegg geworden.

So ruhig wie es heute wirkt – Schlossbesitzerin Helene von Gugelberg denkt umtriebig an die Zukunft des Anwesens, das seit 1654 im Besitz der Familie ist: der Wein, der Essig, ausserdem Schaum- und Dessertwein, Destillat und innovative alkoholfreie Getränke, Möbel aus alten Weinfässern sowie 2011 die Erweiterung des Weinkellers. Doch im Zentrum stehen stets die Trauben, die seit 1068 auf Schloss Salenegg gekeltert werden. Auf der anderen Strassenseite öffnet ein kleines rotes Holztor den Weg in die Weinberge des Schlosses. Auf Feldwegen geht es den Berg hinauf, der oberste Absatz einer Treppe bietet ein schönes Plätzchen, um nochmals den Blick über das Rheintal zu geniessen. Aus den Rebbergen recken sich der Schlossturm von Salenegg und die Kirche von Maienfeld empor. Und auch der künstliche Sperber ruft wieder. Bald hat er seine Arbeit getan. Dann muss er wie seine leibhaftigen Kollegen zum Überwintern noch nicht einmal fortziehen. Jemand muss lediglich seine Batterien aufladen.

Eine ausführliche Beschreibung der Weinwanderwege durch die Bündner Herrschaft finden Sie unter:
www.graubuendenwein.ch/cmsfiles/downloads/Weinwanderkarte.pdf
Auf www.graubuendenwein.ch werden auch sämtliche Informationen zum Wein-Erlebnisraum zu finden sein.