Aus Berufung

Reto Rostetter: der Asiaten-Versteher

Reto Rostetter: der Asiaten-Versteher - Aus Berufung

«Learning by Doing»: Bei der RhB gibt es noch Mitarbeitende, deren Werdegang sich mit diesem Ausdruck beschreiben lässt. Zum Beispiel Reto Rostetter, der in den 70er-Jahren als Bahnbetriebsdisponent begann und heute im Auftrag der Rhätischen Bahn ganz Asien bereist. «Ich habe drei vollgestempelte Reisepässe – und eine Armada an Mitbringseln und Geschenken», so der Marktbearbeiter Fernmärkte und Grossbritannien.

Reingerutscht sei er in seinen Traumberuf, sagt Reto Rostetter. Weder die Verkehrsschule St. Gallen noch die damalige Swissair oder der Job als Bademeister vermochten ihn wirklich zu begeistern. Mehr aus Vernunft denn aus Leidenschaft absolvierte Reto Rostetter schliesslich eine Lehre als Bahnbetriebsdisponent – oder Stationsbeamter, wie das damals Mitte der 70er-Jahre noch hiess. «Zehn Jahre lang habe ich auf verschiedenen Bahnhöfen gearbeitet, doch irgendwann wurde es mir langweilig.» Der Zufall wollte es, dass 1985 im Verkauf Reiseverkehr eine Stelle frei wurde und sich für Rostetter eine spannende Perspektive eröffnete – wenn auch die Stelle vor 30 Jahren bei Weitem noch nicht so aufregend war wie heute: «Damals gab es noch keine aktive Länderbearbeitung. Die Schweiz war der Markt, wo wir unsere Kunden suchten.»

Die Tür nach Asien aufstossen
Es war der ehemalige RhB-Vizedirektor Andreas Wieland, der den Zug nach Asien ins Rollen brachte: 1990 ging er für Schweiz Tourismus nach Japan – und brachte die RhB dazu, sich dort ebenfalls in Marktbearbeitung zu versuchen. «Geh!», forderte die RhB Reto Rostetter auf – und die Reisefreude des Bündners nahm ihren Anfang. Obwohl: «Zu Beginn reiste ich mit einem komischen Gefühl nach Asien – ich hatte ja überhaupt keine Ahnung von dieser Kultur», erinnert er sich. Doch offenbar hatte sich die RhB für diesen Job den Richtigen ausgesucht: Schon bald konnte Rostetter in Japan erste Erfolge verzeichnen. Dann kamen China hinzu, Korea, Indien. «Indien war nochmals eine ganz andere Welt. Ich hatte mir zur Vorbereitung das Buch ‹Kulturschock Indien› gekauft – aber meine erste Reise war trotzdem ein Schock. Dieser Schmutz und die Armut. Gleichzeitig zeigten sich die Menschen aber sehr freundlich und aufgestellt. Heute reise ich sehr gerne nach Indien.» Und inzwischen ist Rostetter natürlich ein absoluter Kenner der asiatischen Kultur – und ein Liebhaber: «Am Anfang wäre ich fast verhungert, heute liebe ich japanisches und koreanisches Essen.» Und die Sprachen? Er habe sich vor einigen Jahren drei Monate lang parallel an Chinesisch und Japanisch versucht – aber das habe nur zu Chaos geführt. «Ich kann ein paar Brocken Japanisch, damit kann ich mich durchschlagen. Ansonsten wird Englisch gesprochen – obwohl ja die Japaner, im Gegensatz zu den Chinesen oder Indern, eher schlecht Englisch sprechen.» Und dies ist bei Weitem nicht der einzige Unterschied zwischen den drei Kulturen …

«Der treue Kontakt mit den Partnern ist sehr kostbar.»
Reto Rostetter

Japan ist nicht gleich Korea ist nicht gleich China
40 Prozent seiner Arbeitszeit ist Reto Rostetter in fernen Ländern unterwegs, und dies seit 30 Jahren. «Von August bis Oktober bin ich eigentlich fast durchgehend in Asien», sagt er. Und wie hat er «die Asiaten», die es so ja gar nicht gibt, auf all den Reisen kennengelernt? «Japaner sind zurückhaltend und verlässlich: Hat man eine Unterschrift, weiss man, dass es klappt. Chinesen wirken im Gegensatz dazu etwas ungehobelt – und folgendes Sprichwort ist bei den Chinesen tatsächlich wahr: Ist der Vertrag unterzeichnet, kannst du mit der Verhandlung beginnen. Die Koreaner würde ich als liebenswürdige Schlitzohren bezeichnen – und die Inder sind sehr kontaktfreudig, immer fröhlich und lachen viel.» Die wichtigsten «Mitbringsel» sind für Rostetter – neben chinesischen Vasen, indischen Holzarbeiten oder japanischen Glücksbringern – gute und langjährige Bekanntschaften. Diese seien bedeutender als das Produkt an sich: «Ein freundschaftlicher und beständiger Kontakt mit den Partnern ist sehr kostbar – oft kriegt man einen Vertrag nur dadurch unterzeichnet.»

In China liegt die Zukunft
Viel hat sich verändert seit Reto Rostetters Anfängen als Marktbearbeiter. Die Technologie habe alles einfacher gemacht, sagt der 62-Jährige, sowohl die Büroarbeit als auch das Reisen. Auch die Dimensionen seiner Arbeit sind nicht mehr ganz dieselben: Was mit zwei Stellen im Verkauf Reiseverkehr (heute Marktbearbeitung Schweiz / International) begann, sind nun sechs Mitarbeitende, die 14 verschiedene Märkte der RhB betreuen. In Rostetters Fall heisst das: Einheimische für die Aussenstellen – zum Beispiel in Schanghai, Mumbai oder São Paulo – suchen und einarbeiten, die Jahresplanung machen, das Budget überwachen, Reiseprogramme erstellen, die Kunden vor Ort besuchen oder ausländische Medien betreuen. «Das ist übrigens eine nicht zu unterschätzende Aufgabe – alleine im Mai 2015 hatte ich sieben Fernsehteams aus meinen Märkten hier im Bündnerland.» Verändert haben sich auch die Märkte. Japan sei aktuell aufgrund des Yens etwas schwächer. Aber Indien laufe sehr gut und auch Grossbritannien sei ein grosser Markt für die RhB – die Engländer seien sehr bahnaffin. «China und Korea werden mittelfristig den Rückgang von Deutschland und Italien auffangen. Überhaupt wird China die Zukunft sein – die Buchungen für 2016 haben sich vervierfacht», so Reto Rostetter. Das Erfolgsgeheimnis: Halten, was man verspricht. «Das gute Angebot ist bei der RhB vorhanden: Die wunderbare Natur und zwei schöne Züge – der Glacier Express und der Bernina Express. Wichtig ist, dass die Züge auf dem neuesten Stand sind und dass wir ein gelungenes Produkt zu fairen Preisen anbieten können. Damit können wir die asiatischen Gäste gewinnen.» Die nächste Reise nach China steht noch im Oktober an, dann geht es nach Grossbritannien. «Was ich unterwegs vermisse? Meine Frau natürlich – und meinen Töff.»