Natur

Die Schatzalp, die macht glücklich

Die Schatzalp, die macht glücklich - Natur

Klaus Oetjen spricht nicht mit seinen Pflanzen. Aber er hört genau hin. Der Staudengärtner verantwortet das Alpinum Schatzalp, den botanischen Garten rund um das ehemalige Sanatorium hoch über Davos. Und er ist ein richtig guter Zuhörer.

Kräutergarten, Schatzalpwiese, Hochzeitsgarten, Insektengarten, Thomas-Mann-Platz, Guggebachtal-Alpinum – und überall Edelweiss, Enzian, Lupinen, Mohn, riesige Rhabarber aus China, einheimischer Frauenschuh und ganz versteckt auch eine Waldlilie aus den USA. Ein Besuch im Alpinum ist wie ein Ausflug in ein Paralleluniversum. Klaus Oetjen lenkt dort seit elf Jahren die Geschicke des Gartens. Mit viel Erfolg: «Etwa 40 Prozent der Sommergäste besuchen uns wegen des Gartens.» Da kommt es schon einmal vor, dass Gäste ihre Ferien auf der Schatzalp um ein paar Wochen verschieben, weil der Rittersporn noch nicht blüht.

Das historische Alpinum rund um den Jugendstilbau des heutigen Hotels Schatzalp entstand 1907, der zwei Hektar grosse Teil oberhalb des Hauses Anfang der 1970er-Jahre, nachdem eine Lawine den Wald zerstört hatte. Klaus Oetjen kam 1984 das erste Mal auf die Schatzalp. «Damals dachte ich, hier könne ich leben – aber der Garten war eine Katastrophe», sagt der gebürtige Deutsche. Später ging das Sanatorium insolvent, die Gartenpflege übernahm der Verein der Freunde des botanischen Gartens. Der Garten verwilderte – ein Glück für die Artenvielfalt. Nachdem Oetjen seinen Betrieb in Deutschland aufgegeben hatte, kam ein Angebot aus Davos. Das Sanatorium, das längst Hotel war, hatte neue Besitzer – und diese wollten Klaus Oetjen. Erst hatte die Schweiz keine Chance, doch nach einem Gespräch mit den neuen Hotelbesitzern war schnell klar, dass sie auf derselben Wellenlänge lagen.

Gartenkunst ist nicht gleich Kunst im Garten
Heute ist das Alpinum mehr als ein Garten. Es drückt vielmehr die Philosophie von Klaus Oetjen und der Schatzalp aus: «Das Ziel ist, Hotel und Garten zu verbinden.» So gibt es eine Kräuterführung mit anschliessendem 5-Gang-Menü. Oetjen ist überzeugt: «Wer hier hoch kommt, sucht die Kombination aus Natur, Pflanzen, gutem Essen. Unsere Gäste wollen in die Tiefe gehen, entschleunigen.» Dabei ist Klaus Oetjen durchaus bewusst, dass sein Garten eben nicht der Natur entspricht: «Ein Garten ist Kultur, das ist etwas Wesentliches, das man hier auf Schritt und Tritt sieht.» Es ist dieses Gegenspiel, das den Gärtner zu reizen scheint. Er sagt Sätze wie: «Gartenkunst ist eine geschlossene, funktionierende Vegetationsdecke. Alles andere ist Kunst im Garten.» Klaus Oetjen wirbt für artgerechte Gartengestaltung und Pflanzenvermehrung – und er möchte, dass sowohl die Hotelgäste als auch die Besucher der Führungen, die er immer mittwochs anbietet, seine Philosophie verstehen. Wenn es sein muss, provoziert er für den Lerneffekt auch mal. Zum Beispiel, wenn Besucher über Neophyten schimpfen, gebietsfremde Pflanzen, die zum Teil einheimische Gewächse verdrängen: «Gut, dann vertreiben wir jetzt das Edelweiss aus den Alpen.» Das kommt nämlich ursprünglich aus Asien.

Von wegen Edelweiss: Das Alpinum Schatzalp setzt verschiedene Schwerpunkte. Die Alpenblume Edelweiss ist nur einer davon, laut Oetjen blüht in seinem Garten mit rund 80 Arten, Sorten und Typen eine der grössten Edelweiss-Sammlungen der Welt. Insgesamt finden Besucher etwa 5000 verschiedene Arten und Sorten auf der Schatzalp. Sie sind – anders wie in den meisten botanischen Gärten – meistens nicht nach ihrer Herkunft geordnet. «Das können wir hier nicht leisten», sagt Klaus Oetjen knapp und verweist darauf, dass er die etwa fünf Hektar Garten momentan lediglich gemeinsam mit einer Arbeitskraft und zwei Halbtagskräften bewirtschaftet. Stattdessen konzentriert sich der Staudengärtner auf Pflanzen aus aller Welt – solange sie aus der alpinen und montanen Stufe kommen. «In der montanen Stufe gibt es die grösste Artenvielfalt, weil die Pflanzen weltweit unter sehr ähnlichen Bedingungen wachsen.» Mit der Höhe über dem Meer habe die Einteilung der Stufen übrigens nur bedingt zu tun: «Eine Pflanze, die in Nepal auf 2000 Metern wächst, ist noch lange nicht winterhart. Nepal liegt auf demselben Breitengrad wie Florida. Pflanzen sind in Nepal somit erst in einer Höhe von 3500 Metern winterhart.»

Drei Fragen an jedes Pflänzlein
Genau das meint Klaus Oetjen mit «artgerechter Gartengestaltung». Er zeigt eben nicht das, was (vielleicht) möglich ist. Sondern die Realität, wie sie sich auf 1800 Metern über dem Meer gestaltet. Um möglichst viel über die Realität einer Pflanze herauszufinden, stellt er ihr zunächst drei Fragen: Wie heisst du? Wo bist du verbreitet? Wie sieht dein Habitat aus? Dann hört er gewissenhaft zu. Damit er genau weiss, wo im Alpinum sich die Pflanze am wohlsten fühlt. Und dann landet eine Pflanze zum Beispiel in einem Beet, dessen Boden einen neutralen pH-Wert hat, das im Windschatten des Hotels liegt und das noch etwas Wärme abbekommt, die von den Hotelwänden zurückstrahlt. Oder eine selbst gesammelte Distel aus Südafrika steht ganz in der Nähe eines giftigen Wolfs-Eisenhuts, der in Süd- und Mitteleuropa sowie in Asien verbreitet ist. Von wegen Giftpflanzen: Auch bei diesem Thema wird Klaus Oetjen emotional und pointiert. Wenn Gäste gegen Giftpflanzen wettern, erinnert er sie zackig daran, dass die meisten auch Heilpflanzen sind. Eine Gefahr gehe nur von ihnen aus, wenn man sie nicht kenne: «In der Menschwerdung gibt es für alles Zeitfenster», holt er aus. «Wenn ich Vierjährigen erkläre, dass diese Pflanze giftig ist, merken sie sich das und geben ihr Wissen weiter. Wenn ich mit Jugendlichen über dieselbe Pflanze spreche, kommt ein blöder Spruch und sie vergessen alles sofort wieder.»

Klaus Oetjen macht bewusst, was längst vergessen schien. Er zeigt an einfachen Beispielen auf, wie es stets ums Gleichgewicht in der Natur – und somit im Leben – geht. Um den Überlebenskampf, den durchaus auch Pflanzen führen. Nur so langsam, dass es uns kaum mehr auffällt. Er nimmt die Pflanzen ernst, und somit sowohl Natur als auch Kultur: «Ich möchte etwas vermitteln, Anwalt der Pflanzen sein.» Dabei ist für Klaus Oetjen ganz nebenbei jeder Tag auf der Schatzalp ein Abenteuer. Wenn der eigenhändig in Tibet gesammelte Samen des Königsrhabarber endlich spriesst und die selbst gezüchtete Kreuzung zweifarbig blüht. «Das nenne ich ‹glücklich sein›», sagt er, nimmt ein Brett aus dem Gatter mit der Aufschrift «Privat» und verschwindet in seine Gärtnerei. Die Walderdbeeren warten.

Blumen erkennen einfach gemacht
Der Sommer ist da – und mit ihm unzählige bekannte und weniger bekannte Alpenblumen. Der «Alpenblumen Finder» hilft beim Rätsel lösen: Die Schweizer iPhone-App ist das ideale Nachschlagewerk für die Bestimmung von Alpenblumen – treffsicher, ansprechend und auch für Laien verständlich. Die aktuelle Version für iPhone und iPad enthält 224 Blumenporträts mit 900 Naturfotos, die wichtigsten botanischen Angaben sowie weitere interessante Detailinformationen. Die Blumen können nach den Kriterien Blütenfarbe, Blütenart, Blattform und/oder Blütezeit gefiltert oder per Texteingabe gesucht werden. Als zusätzliche Bestimmungshilfe dienen die botanischen Angaben, die Beschreibung der Pflanzen und die Bilder, die verschiedene Ansichten der Blumen zeigen.

Die liebevolle Gestaltung sowie die lebendigen Bilder der Alpenblumen und ihrer Umgebung machen die App zu einem kleinen Kunstwerk: 2013 wurde sie in die Shortlist des «Best of Swiss Apps»-Awards aufgenommen. Entstanden ist die App in über 2000 Stunden leidenschaftlicher Arbeit der Luzerner Fotografin Renata Caviglia.