Glacier Pullman Express

«Festina lente»: Eile mit Weile – mit Gian Brüngger

«Festina lente»: Eile mit Weile – mit Gian Brüngger - Glacier Pullman Express

Als Bub, da sass er tagelang auf dem Perron in Samedan. Und wartete, bis der Glacier Express – und mit ihm der Duft der grossen weiten Welt aus dem Speisewagen – anrauschte. Bis heute ist Gian Brüngger, der über 40 Jahre für die RhB tätig war, die Lust auf die Bahn nicht vergangen. Wir treffen das wandelnde Lexikon auf dem nostalgischen Glacier Pullman Express.

Gian Brüngger, wie war das genau mit Ihrem Heisshunger auf die Bahn?

Nun, das war ganz einfach. Mein Vater arbeitete damals im Depot Samedan. Der Duft von Schmierfett gehörte gewissermassen zum täglich Brot bei uns zu Hause. Und dann war da eben dieser magische Speisewagen des Glacier Express. Und dieser imposante Oberkellner namens Gottlieb Fischer, stets mit ernster Miene, in brauner Uniform, mit Kordeln dekoriert. Er sah aus wie ein General, wenn er jeweils aus dem Kombüsenfenster äugte. Eines Tages – er hatte mich mindestens schon 20, 30 Mal gesehen – schnauzte er mich an, was ich denn da zu suchen hätte.

Und Sie antworteten?

Zuerst gar nichts. Dann kleinlaut: «Züg luaga», vorbeifahrende Züge bestaunen. Ein Rangierarbeiter, der mich gut kannte, riet: «Frag ihn doch, ob er dir eine Cervelat gibt!» Und dann geschah, was ich nie zu träumen gewagt hätte: Fischer persönlich lud mich zu sich in die rollende Küche ein und reichte mir eine Wurst.

Damit war der Appetit auf mehr definitiv geweckt …

Klar. Ich war so stolz – und wollte erst recht bei der Bahn arbeiten.

Wir sitzen in diesem Speisewagen, in der Ihre Karriere gewissermassen ihren Lauf nahm. Hat sich dieses Gefährt seither stark verändert?

Nicht wirklich. Das Holz ist immer noch das gleiche, Mahagoni und Esche, meine ich. Auch die Sitzaufteilung ist identisch. Nur die Polster waren 1929, als die Mitropa – die Mitteleuropäische Schlaf- und Speisewagen Aktiengesellschaft – die Wagen in Betrieb nahm, noch grün.

Kocht Mitropa denn noch heute auf dem Zug?

Nein, nach dem Krieg übernahm die Eidgenossenschaft die Wagen. Sie waren zuvor als deutsches Eigentum im Ausland konfisziert worden. 1949 kaufte die RhB die Wagen dem Bund ab. Lustigerweise sprechen wir Rätoromanen aber noch heute von «La Mitropa» – und meinen damit die RhB-Speisewagen.

Seit wann tragen die Wagen denn ihre blaue Farbe?

Ach, das ist eine andere Geschichte. Die RhB hatte im Verlauf der Zeit immer wieder einen anderen Anstrich: mal braun, dann lange grün, heute ist alles rot. Die Speisewagen wiederum waren zuerst bordeaux, damit sie sich vom grünen Zug gut abhoben. Mein Kollege Willy Hochstrasser – er war RhB-Werbeleiter – und ich machten der Geschäftsleitung in den Achtzigern, als die ganze RhB auf Rot wechselte, Vorschläge, welche Farbe künftig die Speisewagen tragen könnten.

Nämlich?

Wir votierten für Gelb, Hellgrün, Blau oder Violett.

«Der Piano-Barwagen ist mein heimlicher Stolz. 2010 kam er auf die Bahnwelt: genau so, wie von mir geplant.»
Gian Brüngger

Und welche Farbe kam schliesslich in die Kränze?

Violett, weil diese Farbe an die alten deutschen «Rheingold»-Luxuszüge erinnerte. Nur behielten die Wagen nicht lange diesen Ton, denn die Sonne bleichte den Anstrich rasch aus. Da kam das heutige Kobaltblau zum Zug.

Und dieses wiederum passt perfekt zu den Salonwagen, die an unserem Glacier Pullman Express angehängt sind. Welche Vorgeschichte haben eigentlich diese Prachtstücke?

Die waren ursprünglich gar nicht für die RhB gebaut worden, sondern für die CWIL, die Compagnie Internationale des Wagons-Lits. Dann gehörten sie der Montreux Oberland Bernois Bahn, der heutigen MOB. Nur hatte diese bald keine Verwendung mehr für die Salonwagen, und so fristeten sie ein armseliges Dasein auf Abstellgeleisen. An der grossen Fahrplankonferenz von Budapest 1939 schlug die Stunde der RhB.

Inwiefern?

RhB-Direktor Gustav Bener handelte den halben Preis aus und sicherte sich die drei rollenden Relikte für eine Million und 15'000 Schweizer Franken. Weil er noch 55'000 Franken übrig hatte, erstand er sich zusätzlich sein eigenes Gefährt. Dieses liess er aufwändig sanieren und chauffierte damit sich und seine geladenen Gäste an der Eröffnung des Glacier Express im Juni 1930 von St. Moritz nach Zermatt. Bis heute nennen wir ihn den Bener-Wagen.

Wie setzte denn die RhB die Pullmanwagen ein?

Interessanterweise nutzten die Bündner das repräsentative Rollmaterial lediglich als reguläre Zweitklass-Wagen. Das war damals die Polsterklasse. Zudem liess sie die einst in Creme-Blau gehaltenen Wagen auf Creme-Grün umstreichen. 1956 dann wurde die 1. und 2. Klasse zusammengelegt – und die 3. Klasse avancierte zur neuen 2.

Und damit ging’s den rollenden Zeitzeugen an den Kragen?

Nicht unmittelbar, nein. Aber als die RhB im Jahre 1962 die neuen Einheitswagen einführte, kam bald – ich glaube, es war in den 70er-Jahren – die Gretchenfrage auf: Generalüberholung oder Verschrottung?

Hatte nun deren letztes Stündchen geschlagen?

Immer noch nicht. Zum Glück war die RhB zu stolz und wollte unter keinen Umständen die Wagen an die Berner Oberländer retournieren, die sich sehr für ihre «verlorenen Söhne» interessierten. So renovierte man in einem Kraftakt die Pullmanwagen. Ende der 90er-Jahre war dann auch deren drittes Leben vorüber. Und die RhB erklärte, dass Nostalgiefahrten nicht zu ihrem Grundauftrag gehörten.

Und wie kommt’s, dass wir heute trotzdem in diesen Luxuswagen fahren?

Das ist vorab der Verdienst von Alby Glatt. Der kürzlich verstorbene Bahn-Experte und Reiseunternehmer gründete mit Willy Hochstrasser und mir den Verein Historic RhB. Vier Millionen brauchten wir, eine Million pro Salonwagen. Im Nu waren dank Grosssponsoren drei zusammen. Die vierte wurde durch unzählige Gönner mitfinanziert. Sie alle konnten wir mit einer augenfälligen Aktion mobilisieren: Wir klebten riesige SOS-Kleber auf die historischen Gefährte und tuckerten mit einer Doppel-Dampflok-Bespannung – was notabene gar nicht erlaubt gewesen wäre – durch Graubünden.

Und wem gehören die Prachtexemplare heute?

Immer noch der RhB. Wir nutzen sie seit 1999 für Sonderfahrten. Zum Beispiel für den Glacier Pullman Express, der dreimal pro Saison von St. Moritz bis Zermatt verkehrt. Anfänglich hatten wir uns, ganz wie in alten Express-Zeiten, zum Ziel gesetzt, die Fahrt an einem Tag hin – und am anderen zurück – über die Bühne zu bringen. Die 11 Stunden für einen Weg waren aber für alle ein Riesenstress, vor allem für die Gäste. Einmal mehr war es Alby Glatt, der die zündende Idee hatte: für eine zweitägige Erlebnisreise mit Seitenblicken. So besuchen wir unter anderem die Viamala und die Kirche von Zillis oder philosophieren mit Pater Thomas im Kloster Disentis.

Und Sie, wie lange sind Sie noch mit dabei?

Solange mir der Schnauf nicht ausgeht, ewig. Ich bin überzeugt, dass Nostalgie auch künftig zieht.

Und wenn Sie dann mal wirklich pensioniert sind, wo geht Ihre Traumzugreise hin?

Zu gerne würde ich meine Frau auf den Eastern & Oriental-Express von Singapur nach Chiang Mai entführen – auch er ein Meisterwerk der Meterspur. Mal sehen, ob ich sie überzeugen kann.