Aus der Werkstätte

Ein Prosit auf Mungga, Wätterguoge und Häusträffel

Ein Prosit auf Mungga, Wätterguoge und Häusträffel - Aus der Werkstätte

Einst war hier die Käserei untergebracht. 110 Jahre ist es her. Dann lief jahrelang gar nichts mehr. Bis im Oktober 2000 ein paar unternehmungslustige Grünschnäbel beschlossen, ihr eigenes Bier zu brauen. Aus der Schnapsidee wurde bald ein erfolgreiches Juwel, die höchst gelegene Brauerei der Schweiz: in Davos Monstein, weit oben, weit hinten im Tal.

Wenn man mit dem historischen roten Nostalgie-Postbus, einem Saurer aus dem Jahre 1948, vom mondänen Davos Platz um all die Kurven fährt, hinauf zum äussersten Zipfel der Landschaft Davos, dann landet man zwar nicht gerade auf dem Mond. Stattdessen ist man aber in Monstein angekommen, auf dieser Sonnenterrasse, wo einst die Walser eine Streusiedlung aufbauten. Viel ist hier nicht los, möchte man meinen. Aber nur auf den ersten Blick. Denn es liegt ein herrlicher Duft von geröstetem Malz in der Luft. Da kann der goldene Saft nicht weit sein. Wir sind auf der Suche nach der höchst gelegenen Brauerei der Schweiz, die vor unterdessen 14 Jahren von ein paar Wagemutigen – man sagt, an einem feuchtfröhlichen Dorffest – aus der Taufe gehoben wurde.

Basti aus Mittelfranken am Drücker

Die Vereinigung Pro Monstein hatte sich nämlich in den Kopf gesetzt, aus der leer stehenden Käserei, diesem Bijou mitten im Dorf, eine Mikrobrauerei zu machen, von der man schon bald in der ganzen Schweiz sprechen sollte. 250 Führungen sind es unterdessen im Jahr. Brauseminare mit sieben bis zwölf Leuten, Polter- und Vereinsabende finden hier statt – unter kundiger Leitung von Basti aus dem bayrischen Weissenburg in Mittelfranken, der Heimat des Biers. Sebastian Degen, wie der heutige Braumeister korrekt heisst, war schon einmal hier, von 2004 bis 2010 – und ist seit Juni 2013 heimgekehrt nach Monstein. Damals hatte er weder die Schweiz noch Davos gekannt. Das einzige, was er über das Land hinter den sieben Bergen wusste, war, dass es nicht Mitglied in der Europäischen Union ist. Und so beschloss er, nachdem er dieses Inserat in der «Brauwelt» gelesen hatte, ein Jahr nach Lehrabschluss in Monstein anzuheuern. Hier lebt und wirkt er, im Bermudadreieck zwischen Brauerei, Veltlinerstube und Hotel Ducan.

«Immer wieder gibt es Gäste, die an der RhB-Station Davos Monstein aussteigen und fragen, wo denn da die Brauerei sei. Die liegt 280 Meter höher, sagen wir dann jeweils.»
Sebastian Degen

Deutsches Reinheitsgebot an oberster Stelle

«Das Wasser hier oben ist so weich, dass es sich hervorragend fürs Bierbrauen eignet», schwärmt Basti. Er braut, wie könnte es für einen Bayern anders sein, strikte nach dem deutschen Reinheitsgebot. Nur vier Zutaten sind dabei zugelassen: Malz, Wasser, Hefe und Hopfen. Zuerst bonitiert er das einheimische Bio-Malz von Gran Alpin von Hand. Tief graben sich seine starken Unterarme in den Sack, eine Handvoll führt er zur Nase, er riecht, schaut genau hin, nimmt ein paar Körner in den Mund und bildet sich einen Gesamteindruck. «Brauen hat viel mit Bauchgefühl zu tun – ich meine nicht erst  bei Trinken, natürlich, sondern schon im Prozess der Herstellung. Ein guter Brauer kennt seine Zutaten und seine Lieferanten. Nur das Beste ist gut genug für ein feines Bier.» Da ist Basti ganz strikte. Und berichtet, dass im Mittelalter die Frauen die besten Brauerinnen waren, nicht die Männer. Wer damals kein gutes Bier braute, landete kurzerhand auf dem Scheiterhaufen. Oft waren es auch Bäcker, die ein feines Händchen fürs Brauen hatten, denn sie waren es gewohnt, aus Getreide schmackhafte Dinge herzustellen. Der eigentliche Brauvorgang dauert rund sieben Stunden, dann gärt der Saft für weitere acht bis neun Tage bei einer Temperatur von knapp zwölf Grad. Worauf Basti wieder zum Einsatz kommt: Er zwickelt das Bier; sprich, er lässt über einen Probehahnen direkt aus dem Gärfass eine Mass volllaufen – und stemmt diese. Er nickt, den frischen Schaum noch auf der Oberlippe, zufrieden.

Immer wieder montags

Am Montag jeweils wird abgefüllt, in die guten alten Bügelflaschen für die Gastrokunden und in Einwegflaschen für den Retailbereich. Normalerweise werden ein bis zwei Sorten pro Mal hergestellt. 1200 Flaschen pro Stunde rattern vorbei und werden feinsäuberlich etikettiert. Da kommt eine ganze Menge pro Jahr zusammen: rund 150'000 Bügel- und 190'000 Einweggebinde verlassen Monstein in alle Himmelsrichtungen. Offensichtlich mundet der Bündner Gerstensaft auch grossen Namen: Bill Clinton liebt das Monsteiner, wenn er jeweils am World Economic Forum in Davos weilt. Ebenso Bundesrat Ueli Maurer, Bobweltmeister Reto Götschi – und Mehrfacholympiasieger Dario Cologna ist sogar Aktionär der Biervision in Monstein. Er genehmigt sich ganz gern mal ein oder zwei Bierchen nach dem Training in der trockenen Davoser Höhenluft. Die Biere tragen allesamt einheimische Namen – da gibt es die Wätterguoge (was soviel heisst wie Alpensalamander), das Munggabier (nach dem Murmeltier benannt) oder neu auch den Häusträffel, die Heuschrecke, von der das Weissbier seinen Namen erhalten hat. Einst haben die Monsteiner sogar ein Röteli-Bier aus der Taufe gehoben. Röteli ist der einheimische Kirschen-Gewürz-Likör – vermischt mit dem Monsteiner Malzsaft ergab sich daraus ein süffiges Mixgetränk. Und dieses flog sogar um die Welt: Ein Fass des Röteli-Biers war nämlich gar auf dem letzten Flug einer MD-11 der stolzen SWISSAIR mit dabei. Drei Runden hatte der grosse Vogel über dem Adlerhorst Monstein gedreht – als Hommage an ein paar Verrückte, die eine (Bier-)Vision Wirklichkeit werden liessen.