Tradition

Ein Blick hinter klösterliche Mauern

Ein Blick hinter klösterliche Mauern - Tradition

Stille. Und der Duft nach Weihrauch. Das sind die Eindrücke, die nach dem Besuch in der Klosterkirche Disentis zurückbleiben. Hier scheint die Zeit anders zu ticken, als würde die hektische Welt von draussen an den Klostermauern abprallen. Doch dann klingelt die Schulglocke und die Internatsschüler strömen schwatzend auf die Gänge. Ein Augenschein im Kloster Disentis mit Abt Vigeli Monn.

Seit vielen Jahrhunderten thront es über Disentis: das Benediktinerkloster mit seiner barocken, zweitürmigen Kirche. Die Abtei wurde um das Jahr 720 gegründet und präsentiert sich heute im baulichen Zustand des späten 17. Jahrhunderts. Abt Vigeli führt uns unbeirrt durch das scheinbare Labyrinth aus Gebäuden, Treppen und Gängen, das sein Zuhause ist. In der beeindruckenden Klosterkirche ist es um diese Zeit – kurz nach elf Uhr – ganz ruhig. Doch nicht mehr lange, dann werden die Gänge des Klosters von Mönchen und Patern belebt, die sich zum täglichen Mittagsgebet zusammenfinden.

Ein Leben fast wie im Taktfahrplan

Hektik kennt man hier kaum und ja, die Uhren scheinen etwas langsamer zu ticken – doch sie ticken, sehr genau sogar: «Morgens um fünf treffen wir uns zum Gebet, anschliessend findet um halb sechs die erste Messe statt. Nach dem Frühstück bleibt Zeit für Meditation, bevor dann um halb acht die nächste Messe stattfindet. Von halb neun bis halb zwölf geht jeder seiner Arbeit nach, dann treffen wir uns um Viertel vor zwölf zum Mittagsgebet. Nach dem Mittagessen machen wir Pause, bevor dann von halb zwei bis fünf Uhr nachmittags wieder gearbeitet wird. Um sechs Uhr abends treffen wir uns zur geistlichen Lesung, anschliessend ist es Zeit für das Nachtessen. Bis 20 Uhr haben wir Pause, dann folgt das Nachtgebet und danach das grosse Silentium: Die Mönche ziehen sich zurück, arbeiten, lesen oder gehen schlafen.» Ja, Abt Vigeli Monn und die 27 Patres und Brüder im Kloster Disentis leben ein Leben fast wie im Taktfahrplan.

«Die neuen Mönche erhalten ihre Kutten mit Blick auf den Ursprung des Klosters – eine schöne Symbolik.»
Abt Vigeli Monn

Die Schnittmenge von Kloster und Schule

Trotzdem – oder vielleicht vielmehr: deswegen – scheint Eile hier ein Fremdwort zu sein. Fast ist es, als würden die Klostermauern die Welt im Kloster von der Welt dort draussen abschirmen, als würde alle Hast und Rastlosigkeit durch die dicken Wände gedämpft. Inzwischen hat sich Abt Vigeli in die kleinere Marienkirche gesetzt. Hier sind die Wände mit sogenannten Votivbildern geschmückt, gezeichnet aufgrund eines Gelübdes als symbolisches Opfer für die Rettung aus einer Notlage. Also weltfremd, wer im Kloster lebt? Ganz und gar nicht! Nicht umsonst lautet der Leitsatz des Klosters: Tradition und Erneuerung. Und wenn mittags um zwölf Uhr die Schulglocke ertönt, werden die Gänge des Klosters von jugendlichem Stimmengewirr erfüllt – und die Welt «dort draussen» vermischt sich mit der Welt «hier drinnen». Die Benediktinerabtei Disentis führt schon seit Jahrhunderten eine Schule, seit 1880 als Gymnasium. Heute bereiten sich rund 180 Schülerinnen und Schüler im Gymnasium Kloster Disentis auf die Matura vor, gut 45 davon leben im dazugehörigen Internat. Eine wichtige Symbiose: «Das Internat ist von grosser Bedeutung, es muss den Betrieb der Schule schliesslich finanziell mittragen», erklärt Abt Vigeli. Kloster und Gymnasium hingegen seien zwei separate Welten, so der Abt, während er uns weiter hinter die alten Gemäuer führt. Obwohl: So modern und weltoffen das Gymnasium heute ist – die Schülerinnen und Schüler können nämlich einer beliebigen Religion angehören –, ist die Verbindung zum Kloster nach wie vor sicht- und spürbar. Unter den 42 Lehrpersonen sind sieben Pater, einer von ihnen ist auch Abt Vigeli, der den Jugendlichen Latein und Religionslehre beibringt. Und zumindest an den Messen zum Schuljahresstart und -ende sowie zu speziellen Festtagen im Kloster nehmen auch die Gymnasiastinnen und Gymnasiasten teil.

Ort des Ursprungs

In der Zwischenzeit ist der Schullärm verklungen und Abt Vigeli offenbart uns unter der Erde den Kraftort des Klosters: die Placi-Krypta, ein kleiner Raum, wo die neuen Mönche eingekleidet werden. Hinter einer Glasscheibe sind die Ausgrabungen des ursprünglichen Klosters – das Fundament aus dem Jahre 720 nach Christus – zu sehen. «Wer dem Kloster Disentis beitritt, erhält hier seine Mönchskutten – mit Blick auf den Ursprung des Klosters. Das ist doch eine schöne Symbolik», so Abt Vigeli. Einige Treppenstufen später sind wir wieder im Freien, stehen im Innenhof des Klosters, das mit einem Brunnen von Georg Malin geschmückt ist. «Der Brunnen erinnert an das Motiv des Andreaskreuzes, das Wappen unseres Klosters und der Gemeinde.» Noch einmal führt der Weg hinein in die Kirche und durch die ruhigen klösterlichen Gänge, dann stehen wir vor den Klosterpforten – wieder draussen in der Welt. Unten im Dorf fährt ein roter Zug in den Bahnhof ein. Was das Kloster mit der RhB verbinde, fragen wir bei der Verabschiedung. «Nun, sie bringt die Menschen und insbesondere unsere Schülerinnen und Schüler nach Disentis, zum Kloster. Wir dürfen übrigens sogar Wünsche für den Fahrplan platzieren, damit dieser mit unseren Schulzeiten übereinstimmt. Ob die RhB allerdings darauf Rücksicht nehmen kann, ist eine andere Frage», lacht Abt Vigeli.