Pioniere

Die Bahn im Blut

Die Bahn im Blut - Pioniere

Wie ist das wohl, wenn die eigenen Vorfahren mitunter zu den grössten Pionieren in der Bündner Eisenbahngeschichte gehören? Eigentlich ganz normal, so scheint es im Gespräch mit Gian-Mattia Schucan, Ururenkel des ersten RhB-Direktors Achilles Schucan. Doch die Bahn, die haben sie beide im Blut.

«Stolz wäre etwas anmassend – aber es ist schon ein freudiges Gefühl», meint Gian-Mattia Schucan zu der Frage, wie sich das anfühle, Ururenkel eines berühmten Eisenbahnpioniers zu sein. Sein Ururgrossvater Achilles Schucan, geboren 1844 in Avignon und aufgewachsen in Zuoz, war als Oberingenieur und Betriebsdirektor beim Bau und Betrieb der Linie Landquart – Davos, der späteren Rhätischen Bahn, beteiligt. Gerufen hatte ihn der Holländer Willem Jan Holsboer, der 1888 die «Schmalspurbahn Landquart – Davos AG» gegründet hatte und den erfahrenen Bahnfachmann Schucan für den Aufbau eines kantonsweiten Schmalspurnetzes zu Hilfe rief. Als erster Direktor und später Direktionspräsident der RhB leitete und prägte Achilles Schucan das Unternehmen anschliessend bis 1918 – ganze dreissig Jahre lang.

Geschichten aus früheren Zeiten – Zeitgeschichte

Gian-Mattia Schucan – mit 45 Jahren nur wenig älter als damals sein Ururgrossvater, als dieser zur RhB stiess – teilt mit seinem berühmten Vorfahren die Leidenschaft für die Eisenbahn. «Diese Begeisterung für die Bahn zeigte sich bei mir schon ganz früh, noch bevor ich bewusst wahrnahm, dass ich einen Bahnpionier in der Familie habe», erzählt er. Bis heute ist er begeisterter Modelleisenbahnbauer: «Dabei habe ich mehr über Physik gelernt als in der Schule», sagt der promovierte Physiker. Wie er das erste Mal von seinem prominenten Ururgrossvater gehört hat, daran erinnert er sich nicht mehr – «Achilles Schucan war immer mal wieder Thema» –, hingegen sind ihm die niedergeschriebenen Memoiren noch bestens gegenwärtig: «Achilles hat kurze Tagebucheinträge verfasst, auch liebevolle Kommentare über die Familie, seine Kinder und Grosskinder. Aus diesen Schriften wird unter anderem deutlich, dass ihm die Stelle als Kontrollingenieur beim Eidgenössischen Eisenbahndepartement nicht mehr gefiel – er wollte kein Beamte mehr sein, sondern lieber unternehmerisch wirken. Und so kam es schliesslich auch.» Gerne wird auch folgende Geschichte erzählt: Achilles Schucans Ehefrau habe immer dafür gesorgt, dass an jedem Bahnhof der Rhätischen Bahn frische Blumen standen – und diesem Brauch wird bis heute Ehre erwiesen. Apropos: Im Rahmen des Streckenjubiläums «100 Jahre Bever – Scuol-Tarasp» taufte die RhB den ALLEGRA-Stammnetztriebzug 3104 auf den Namen «Achilles Schucan». Sein Ururenkel stand Taufpate – und sogar die Urururenkel des ersten RhB-Direktors waren mit dabei: «Mit meinen zwei Buben durfte ich anschliessen im Führerstand von Zuoz nach Chur fahren – spätestens da hat sich die Bahnbegeisterung weitervererbt», lacht er.

«Ich hege grosse Bewunderung dafür, in welchem Tempo die RhB damals erbaut wurde.»
Gian-Mattia Schucan

Neugierde...

Aber es ist nicht nur die Bahnbegeisterung, die Gian-Mattia Schucan über viele Generationen hinweg mit seinem Ururgrossvater verbindet. «Ich glaube, die Lust auf Neues und das Verlangen, an unbekannte Ufer aufzubrechen, das teile ich auch mit Achilles. Bevor er bei der RhB ‹sesshaft› wurde, hat mein Ururgrossvater des Öfteren seine Zelte abgebrochen und woanders wieder aufgestellt.» Seine ersten Berufsjahre führten den ETH-Ingenieur Achilles Schucan mit gut 20 Jahren ins Ausland: Er war im deutschen Pirmasens, später in Regensburg tätig, wirkte danach im Welschland als Sektionsingenieur beim Bau der bernischen Jurabahn und arbeitete 1875 an Studien für eine Bahnverbindung zwischen Genf und Annemasse – eine Bahnlinie übrigens, die nun seit 2011 im Bau ist und 2017 eröffnet werden soll. Nach seiner Zeit beim Eidgenössischen Eisenbahndepartement war Achilles Schucan drei Jahre lang Direktor der innerschweizerischen Seetalbahn, bevor er 1888 zur RhB kam – und in seinem Heimatkanton häuslich wurde. Gian-Mattia Schucans Stationen klingen nicht weniger abenteuerlich: Geboren in den USA und aufgewachsen in Basel, wohnt er heute mit seiner Frau und den vier Kindern in Bern. Seine Dissertation verfasste er in England und für ein Jahr unterrichtete der Physiker gar in China. Und das Bündnerland? «Unser Ferienhaus steht im Engadin. Mein Lieblingsort ist Zuoz, mein Heimatort. Aber entlang der Berninalinie gibt es viele schöne Ortschaften – und viele wunderschöne Wanderungen.»

«Auto? Brauche ich nicht. Hingegen fahre ich vier- bis fünfmal pro Woche mit dem Zug.»
Gian-Mattia Schucan

...und Natur im Blut

Die Natur, die hat es Gian-Mattia Schucan sowieso angetan: 2013 gründete er sein eigenes Unternehmen «Schucan Management», eine Firma, die sich auf Management-Beratungen in den Bereichen öffentlicher Verkehr und Nachhaltigkeit spezialisiert hat. «Es ist diese Verbindung von Technik und Naturwissenschaft, die mich an der Physik immer interessiert hat – und die Bahnbranche vereint diese Themen ebenfalls: sie ist umweltrelevant und bringt Technik mit sich», sagt er. Ob er wohl diesbezüglich etwas anders gemacht hätte, wenn er anstelle seines Ururgrossvaters damals die RhB-Strecke gebaut hätte? «Nein. Es ist bewundernswert, wie sich die RhB-Linie in die Landschaft einbettet. Schon damals hat man den Bau am Terrain ausgerichtet.» Also noch eine Gemeinsamkeit der beiden verwandten Bähnler: Achilles Schucan war es nämlich ein besonderes Anliegen, dass durch organische Linienführung, steinerne Bogenbrücken und Bahnhofbauten im regionalen Baustil der Heimatschutz berücksichtigt wurde. 126 Jahre später geht Gian-Mattia Schucan natürlich einige Schritte weiter: Was ihn interessiert, ist die Verbindung von Unternehmertum und Ökologie, denn die Umwelt könne sich nur zusammen mit den Unternehmen gut entwickeln – und umgekehrt. Sein Vorhaben steht jenem seines berühmten Vorfahren in Nichts nach: «Ich möchte eine Beitrag an die Rettung der Welt leisten.»

Engiadina: 113-jährig und immer noch im Einsatz

Engiadina: 113-jährig und immer noch im Einsatz

Die RhB beschaffte ab 1904 insgesamt 29 Dampflokomotiven des Typs G 4/5. Die sogenannten Schlepptenderlokomotiven kamen bis zu ihrer Elektrifizierung hauptsächlich auf der Albulabahn zum Einsatz. Engiadina – Nummer 108 – ist heute noch als betriebsfähige Museumslokomotive unterwegs.