Bernina Express

Der grosse Könner mit der Minibar: Alfredo Lopez

Der grosse Könner mit der Minibar: Alfredo Lopez - Bernina Express

«Kafi, Gipfeli, Totenbeinli, Nusstörtli!». So tönt’s, wenn auf dem Bernina Express die Minibar anrollt. 80 Kilogramm schiebt Alfredo Lopez vor sich her, Tag für Tag, auf seinem Fussmarsch zwischen Chur und Tirano. Automatisch strahlen alle, wenn der vife Peruaner zur süssen oder salzigen Versuchung lädt.

Noch zwölf Minuten bis zur Abfahrt: Die Schweissperlen kullern im Sekundentakt, Alfredo Lopez muss vorwärtsmachen. Eben hat er sein Office-Abteil in Beschlag genommen und hievt nun im Eilzugstempo Wasservorräte, Kartons mit Souvenirs und Kaffeekapseln, die ihm durch das kleine Türchen in der Wagenflanke gereicht werden, in sein Reich. Bis Thusis hat er Zeit, alles sorgfältig zu verstauen, auf seiner rollenden Bar und in den Schränken. Die letzten Teebeutel sind sortiert, die Plüschsteinböcke grinsen fröhlich von der Minibar, feine Bündner Tropfen locken, zuoberst thront der Grischa Secco mit Trauben aus Maienfeld im edlen, durchsichtigen Kühler. Alfredo ist startklar. «Zuerst kommt immer die erste Klasse – da halten wir uns an die Vorbilder im fliegenden Geschäft.»

Aus der Region, für die Region

Kaum öffnet sich die Tür des Abteils, kommt Alfredo in Fahrt. Sein peruanisches Temperament lässt niemanden kalt. Im Nu verkauft er zehn, zwanzig Kaffees – frisch gemahlen aus der Don George Gourmetrösterei in Untervaz. Suchtgefahr besteht auch bei den in Milchschoggi gehüllten Nusstörtchen, dessen Hersteller ein Geheimnis des neuen RhB Catering-Chefs bleibt. Konsequent setzt Renato Feurer mit seinem dreiköpfigen Team auf einheimische Spezialitäten, denn wer nach Graubünden kommt, will auch Typisches aus der Region kosten. Die Nussstengel – auch «Totenbeinli» genannt – gehen weg wie frische Semmeln. Antonio ist im Element. Wagemutig lässt er sein Tablett über die Köpfe schweben, der Appetit kommt beim Servieren. Unisono lautet das Urteil: Dieser Kaffee schmeckt herrlich.

«Wenn ich selbst verreise, gibt’s immer einen Kafi von der Minibar – plus Trinkgeld!»
Antonio Lopez

Stimmung steigt mit jedem Höhenmeter

Der erste Service ist geschafft. Alfredo ist es auch. Durchatmen, ein Schluck Wasser, dann geht’s in die zweite Runde. Kurz vor den spektakulären Kehren am Albula ist Apéro-Zeit. Und schon greifen sie zu, die durstigen Seelen – gönnen sich eine Flasche Riesling Sylvaner aus dem Hause Von Salis. Wie das muntere Quartett rund um Monika Lanz aus Richterswil, die mit ihrem Vater und ihren Nachbarn einen Ausflug macht. Sie fahren heute bis Poschiavo und zurück – und ihnen behagt der humorvoll-zackige Service von Antonio. Ebenso mundet der feine Tropfen, stilvoll in Gläsern serviert. Dazu testen sie fein gewürzte Oliven sowie Nüsse im Blumenmantel. Voll des Lobes ist auch das Ehepaar Steck aus Kilchberg bei Bern. Sie Gymnasiallehrerin, er Ingenieur, beide das erste Mal am Bernina unterwegs, genehmigen sich ein Glas Grischa Secco. Sie werden auf Alp Grüm übernachten – das Fondue ist schon vorbestellt –, dann im Puschlav und schliesslich in Tirano. Beatrice Steck hat ihrem Mann die viertägige Reise entlang der UNESCO Welterbestrecke geschenkt, weil dieser ein leidenschaftlicher Modelleisenbahner ist. Und natürlich die meisterhaften Bauwerke aus erster Hand gesehen haben will.

Grande Finale mit Souvenirs am Arm

Unterdessen setzt Alfredo zum Schlussspurt an. Jetzt geht’s um die Wurst – genauer um die Souvenirs in seinem Korb. «Da, schauen Sie rechts. Wenn Sie Glück haben, sehen Sie ihn: den Steinbock. Und wenn nicht, bringe ich nächstes Mal ein Lama aus meinem Heimatland mit.» Sein Humor lockert auf – entsprechend sitzt auch das Portemonnaie lockerer. Sein Bestseller ist der Steinbock – in Plüsch lässt er vor allem die Herzen ausländischer Gäste höher schlagen. Beispielsweise jene der zwei spanischen Ehepaare, die sich mit dem Bündner Wappentier in unzähligen Selfies verewigen. Und in zerbrechlicher Variante, als Miniatur in ein Grappaglas eingegossen, erfreut das Horntier unter anderem das Ehepaar Reynders aus Tongeren bei Lüttich. Die Flamen sind Feuer und Flamme – und kommen wieder: nächstes Jahr für eine Reise auf dem Glacier Express.

Kurze Pause unter Platanen

Tirano Stazione ist erreicht, Alfredo hat seine Minibar ins rote Mäntelchen gehüllt und auf den Wagen verladen, der sie zum Express bringt, der in anderthalb Stunden die Rückreise antreten wird. Alfredo geht immer ins Albergo Bernina, am liebsten draussen unter den Platanen. Da kennt ihn jeder. Der Goldschmied aus Lima, der einst nach Costa Rica ausgewandert war und dort seine Bündner Frau kennengelernt hat, liebt sein Metier. Er war schon einmal Railsteward, zehn Jahre lang. Dann hat er vier Jahre pausiert und – weil er die RhB liebt – in der Churer Bahnhofunterführung im Lebensmittelhandel gearbeitet. Und dann, als der Anruf von RhB Catering-Chef Renato Feurer kam, war er sofort wieder dabei. Renato kennt der Südamerikaner von seiner zweiten Passion her: Er legt nämlich als DJ in dessen Lokal einmal pro Monat Salsa auf. Und was reizt ihn am meisten am Knochenjob auf Achse? «Ich liebe einfach den Kontakt zu den Menschen. Ich könnte nicht einfach wie ein langweiliger Beamter meine Bar durch die Reihen schieben. Ich bin happy, wenn die Gäste zufrieden sind», spricht Alfredo und man nimmt ihm jedes Wort ab. «Und zudem finde ich unsere neue Service-Philosophie genial. Laufend kommen mir neue Ideen», schmunzelt er. Und träumt – unter anderem – von einer Steinbock-Glace am Stiel ...