Kultur

Der Vater der Engel

Der Vater der Engel - Kultur

Ruhig und würdevoll überblicken sie die Landschaft Davos: zwei hölzerne, 15 Meter hohe Engel. «Sie begrüssen und verabschieden Gäste und Einheimische der Gemeinde», erklärt Holzbildhauer Andreas Hofer, der die beiden Engel eingangs sowie ausgangs Davos aufstellen liess. Ein schwieriges Unterfangen, das ein gutes Ende fand – wie viele von Andreas Hofers «Engelsgeschichten».

«Meine erste Arbeit als Holzbildhauer war das Grabmal für meinen Bruder», erzählt Andreas Hofer. Von allen Seiten strecken sich die Sonnenstrahlen in sein Atelier in Davos Frauenkirch, diese moderne, multifunktionale Holz-Halle mit den vier Meter hohen Fenstern. Es riecht nach frisch bearbeitetem Holz und überall liegen Staub und Späne – es ist ein bisschen unaufgeräumt, wie es sich für ein Künstleratelier eben gehört.

Ein Unfall führt zur Erfüllung

Andreas Hofer ist gelernter Zimmermann. Doch seine wahre Passion galt viele Jahre dem Skifahren: «Meine Eltern waren Bauern und Skilehrer, mein jüngerer Bruder fuhr zusammen mit Silvano Beltrametti im Team. Skifahren war für uns immer sehr, sehr wichtig.» Auch er selbst war als Skilehrer und Trainer im Bündner Skiverband tätig. «Das war die perfekte Mischung: Spass haben und dabei Geld verdienen!». Doch dann kam der harte Schlag: Bei einem Sturz riss sich Andreas Hofer das Kreuzband, er musste operiert werden, die Wunde entzündete sich und die Infektion führte zu einer Blutvergiftung. «Plötzlich hiess es: Bein amputieren – oder sterben. Irgendwie haben die Ärzte die Infektion dann aber doch in den Griff gekriegt.» Trotzdem: Auf seinem angestammten Beruf arbeiten oder Skifahren war mit dem kaputten Knie keine Option mehr. Mitte 20 hiess es für Andreas Hofer also: zurück auf Feld eins. In den Unterlagen des Berufsberaters entdeckte er die Broschüre der Schule für Holzbildhauerei in Brienz und sofort war klar: «Das will ich. Rückblickend waren dieser Weg, dieser Unfall nötig, damit ich meine Erfüllung als Bildhauer finden konnte.»

Die Engel bevölkern Davos...

Die Arbeit am Grabmal für seinen Bruder, der an den Folgen eines Unfalls gestorben war, bedeutete für den damals angehenden Holzbildhauer Andreas Hofer ein Schlüsselerlebnis: «Emotional war das sehr schwer, aber für die Verarbeitung des Verlusts eben auch ungemein wichtig. Seit dieser Arbeit fürchte ich mich nicht mehr vor schwierigen Aufgaben – ich schiebe nichts mehr auf und warte nicht mehr ab, sondern mache es einfach», erklärt er. Bald darauf traten leise, doch unaufhaltsam die Engel in sein Leben: Nach dem schlimmen Skiunfall von Silvano Beltrametti fertigte Hofer für seinen jüngeren Bruder einen Schutzengel. «Genaugenommen war es ja nicht viel mehr als eine Säule mit Kopf und Flügeln. Aber für uns strahlte dieser Engel etwas aus – er gab meinem Bruder eine innere Kraft und nahm mir die Angst.» Und dann folgten weitere Engel: Für das WEF Davos stellte Hofer einen vier Meter hohen Engel in die Landschaft, als Statement gegen die Krawalle. Bald darauf gestaltete Hofer die beiden 15 Meter hohen Engel, die eingangs und ausgangs Davos in den Himmel ragen. Um sie aufrichten zu können, fragte Andy Hofer beim Militärflugplatz Frauenkirch um Hilfe. «Das ist eine dieser Engelsgeschichten, die ich immer wieder erlebe: Ich fragte das Militär, ob es mit dem Superpuma meine Engel transportieren könne – und die Antwort war: ja! Obwohl es eigentlich gar nicht erlaubt ist, dass das Militär für Privatpersonen Transporte macht. Genauso wenig wie die Polizei einfach die Kantonsstrasse sperren kann – aber auch das wurde möglich.»

«Rückblickend war dieser Unfall nötig, damit ich meine Erfüllung finden konnte.»
Andreas Hofer

...und schwärmen aus

Auch die RhB hat bereits bei einer von Andy Hofers Engelsgeschichten mitgewirkt: «Für den Engel in Davos Wolfgang fragte ich – ganz naiver Bergdorfkünstler – einfach die RhB an, ob sie beim Transport helfen könne. Zum Aufladen des Engels mussten wir teilweise den Strom ausschalten und deshalb warten, bis der letzte Zug in Davos durch war. Dann haben wir mitten in der Nacht bei Schneefall den Engel wieder abgeladen und aufgestellt. Die RhB stellte dafür die Güterlok, Waggons und ihre Leute zur Verfügung.» Es ist eine jener Anekdoten, die Andy Hofer den Glauben an die Gesellschaft geben: «Wenn die Leute einen gemeinsamen Sinn in einer Sache sehen, ist Vieles möglich.» Doch auch das Umgekehrte ist der Fall: Der Engel in Davos Wolfgang musste schliesslich wieder abgeräumt werden, weil sich eine Gruppe von Leuten an der Skulptur störte. Doch Andreas Hofer lässt sich davon nicht beirren und lässt seine Engel weiter ausschwärmen. Einer davon ist im wahrsten Sinne des Wortes bis aufs Jakobshorn geschwebt: Unten an der Gondelbahn befestigt, schwebte er vom Tal auf den Berg. Bis heute blickt der 12 Meter hohe Engel nach Südosten, in Richtung Georgien, wo 2008 Krieg herrschte: «Die Menschen hier sollen mit diesem Engel ihre guten Gedanken zu den Menschen im Kriegsgebiet schicken. Auch wenn Georgien und Russland weit entfernt scheinen, der Krieg dort hat auch Einfluss auf unser Leben – er stumpft uns ab und lässt die Tragik im Kleinen unbedeutend erscheinen.» Auch in Zürich, Luxemburg, Sotchi, Stuttgart und New York sind Hofers Engel inzwischen stationiert. «Ich verstehe jeden Engel als Werk, das spontan für etwas gebraucht wird – als Sender oder Empfänger für gute Gedanken. Ich will damit nicht missionieren. Sie sind gedacht für jene Leute, die damit etwas anfangen können.»

Sender und Empfänger

Nicht immer nehmen Andreas Hofers Engel solche Dimensionen an wie jener auf dem Jakobshorn. «Ich habe nach Daniel Albrechts Skiunfall die Anfrage erhalten, ob ich ihm einen Engel schnitzen würde. Ein Engel für ein Einzelschicksal richtig auszurichten, damit die guten Gedanken auch am richtigen Ort eintreffen, ist jedoch schwierig. Also habe ich anstelle eines grossen Sender-Engels für Daniel Albrecht einen kleinen Empfänger-Engel gemacht – einen Empfänger für gute Gedanken. Seine Eltern haben den Engel dann in Innsbruck in Empfang genommen.» Seine Engel begleiten den Holzbildhauer, holen ihn immer wieder ein. «Das hat nichts mit Religion oder Esoterik zu tun. Aber ich glaube an die Kraft der guten Gedanken – und diese Engel sind ein Werkzeug dazu, eine geistige Unterstützung. Ich mache diese Engel nicht einfach so, sondern immer nur in Zusammenhang mit einem bestimmten Zweck, also FÜR jemanden.» Inzwischen sind es nicht mehr nur Engel, sondern auch Wächter, die ihn Andreas Hofers Atelier entstehen: dunkle Holzfiguren ohne Flügel, die als Gegenstück zu den Engeln als irdischer Schutz funktionieren und über jemanden wachen. Die Sonnenengel, die sich mit gespreizten Flügeln der Sonne entgegenrecken, sind die jüngsten Mitglieder in Hofers Engelfamilie.

Ein Weg voller Skulpturen
«Ob ich davon leben kann? Nun, als Künstler braucht es eine gewisse Bescheidenheit. Aber ich möchte natürlich mit meiner Arbeit meinen Alltag finanzieren können.» Deshalb schnitzt Hofer auch Porträtköpfe und andere Werke auf Auftrag. Und er organisiert das einwöchige Internationale Bildhauersymposium in Davos, das im Sommer 2014 bereits zum zehnten Mal stattfand. Mit den Arbeiten, die während des Symposiums entstehen, bestückt Andreas Hofer den Skulpturenweg, der bei seinem Atelier in Davos Frauenkirch startet. «Der Skulpturenweg ist für Kulturinteressierte ein kleines Juwel in der Landschaft Davos. Im Winter strahlen die schneebedeckten Skulpturen übrigens eine besondere Faszination aus...»