Berninalinie

Bahn frei für die neue Schneefräse

Bahn frei für die neue Schneefräse - Berninalinie

In hohem Bogen stiebt der Schnee in die Luft. Trotz der grossen Fenster ist die Bahntrasse aus dem Führerstand kaum zu erkennen. Ganze 8500 Tonnen Schnee räumt die neue Schneefräse pro Stunde aus dem Weg: Auch im tiefsten Winter macht sie die Strecke zwischen Pontresina und Poschiavo frei.

Der Bahnhof Ospizio Bernina liegt 2253 Meter über Meer und ist damit die höchstgelegene Bahnstation der RhB. Die Schneemassen, die sich hier und auf der gesamten Berninalinie im Winter türmen, bilden in harten Wintern gut und gerne bis zu fünf oder sechs Meter hohe Wände. Die Bahnstrecke dennoch für den Verkehr offen zu halten, das liegt in der Verantwortung von Stefano Crameri, Bahnmeister Bernina. «Es ist ein schöner Job. Aber die Verantwortung ist gross: Von der Entscheidung, ob ich die Strecke offen lasse oder sperren muss, können schliesslich Menschenleben abhängen.» Doch der Puschlaver kennt «seine» Berninastrecke gut: Er arbeitet seit 23 Jahren für die RhB, seit gut sieben Jahren bereits als Bahnmeister für die gesamte Berninastrecke. Sperrungen sind heutzutage zum Glück selten: «Vergangenen Winter mussten wir die Strecke nur einmal einen ganzen Tag lang sperren, ansonsten waren es nur einzelne Stunden.»

Von Handarbeit zu Hydraulik

Seit zwei Jahren ist die neue Schneefräse in Betrieb – und Stefano Crameri ist sehr zufrieden damit: «Ich durfte bei der Bestellung der Maschine meine Erfahrungen einbringen. Das war ein feiner Zug von der RhB-Geschäftsleitung. Viele meiner Inputs wurden umgesetzt.» Die neue Fräse ist im Gegensatz zu ihren Vorgängerinnen nicht selbstfahrend, sondern wird von einer Schiebelok angetrieben, da die Fräsmaschine viel grösser ist als bei den alten Fräsen und Schneeschleudern: «Wir brauchen die Schiebelok nicht nur zum Anschieben der Maschine, sondern auch für deren Antrieb», erklärt der Bahnmeister. Bis zu drei Metern Breite kann die Fräse auf jeder Seite zur Seite räumen, gesamthaft kann so ein sechs Meter breiter Kanal ausgefräst werden. «Die alte Dampfschneeschleuder konnte nur einen Kanal von 3.6 Metern frei räumen. Da musste der Weg mit den Schneeräumern zusätzlich verbreitert werden – seit Mitte der 70er-Jahre ging das hydraulisch, aber vorher war das strenge Handarbeit», so Crameri. Aber auch mit der neuen Fräse sind die Schneemassen nicht leicht zu bändigen: Mit einer einzelnen Fahrt ist die Arbeit nämlich nicht getan. «Bei der ersten Fahrt fräst die neue Maschine einen Kanal von 3.6 Metern, mit der zweiten Fahrt können wir ihn dann auf maximal sechs Meter verbreitern.» Hinter der Fräse sorgt der Spurpflug dafür, dass die Schienen schön geputzt sind. Das geht zwar heute alles hydraulisch, doch auch Mannskraft braucht es immer noch: Mindestens zwei Personen braucht es auf der neuen Schneefräse – einen Lokführer und den Fräsenbediener.

Höchste Konzentration

Während der Lokführer für die Geschwindigkeit und die Signale verantwortlich ist, steuert der Fräsenbediener die Manöver: Er bestimmt, wie breit und wie hoch die Fräse den Schnee räumen kann. Und das kann von Meter zu Meter und von rechts nach links variieren. Auf einer Liste mit Massen und Daten ist festgehalten, wo die Bahntrasse schmaler wird und wo die Hochperrons liegen – dann muss die Fräse entsprechend eingestellt werden. «Das geht noch nicht automatisch», erklärt Crameri. «Da braucht es grosse Konzentration, um gleichzeitig die Liste und die Strecke im Auge zu behalten.» Noch besser sei gar, wenn drei Personen die Schneefräse bedienten: «Perfekt ist, wenn wir noch einen dritten Mann dabei haben: Als Sicherheitschef und Rangierleiter fährt er hinter der Schiebelok her und ist dafür verantwortlich, wo nötig das Gleis zu sperren und beim Rangieren zu helfen.»

«Der Wind ist das Problem»

Immer bei Neuschnee und Wind kommt die Schneefräse zum Einsatz. Wind? «Ja, denn der Schnee ist nicht das eigentliche Problem, sondern der Wind», sagt Stefano Crameri. «Bei Nordwind bläst es den Schnee in den Schienenkanal. Besonders zwischen Bernina Lagalb und Cavaglia ist der Wind sehr stark – da sind wir oft auch bei strahlendem Sonnenschein dauernd am fräsen.» Dann sind Stefano Crameri und sein Team von 15 Lokführern und acht Schneefräsenbedienern schon um fünf Uhr früh auf den Beinen. Im Minimum zwei Stunden dauert die Fräsenfahrt von Pontresina nach Poschiavo oder umgekehrt – ohne Verzögerungen. «Ab sieben Uhr beginnt der reguläre Zugbetrieb, dann müssen wir natürlich aufpassen, dass wir die anderen Züge nicht stören.»