UNESCO Welterbe RhB

Am anderen Ende des Tunnels: Val Bever

Am anderen Ende des Tunnels: Val Bever - UNESCO Welterbe RhB

Es gilt als eines der unberührtesten Täler Graubündens: das Val Bever inmitten des UNESCO Welterbes Rhätische Bahn. Es beginnt bei der Quelle des Beverin rund einen Kilometer östlich des Piz Picuogl und erstreckt sich zunächst in nordöstlicher Richtung bis Spinas, dann in Richtung Ost-Südost bis zur namensgebenden Ortschaft Bever. Contura hat zusammen mit Hanspeter Lötscher vom Amt für Natur und Umwelt Graubünden (ANU) die Idylle erkundet und gefragt: Warum wird es hier so kalt?

Es ist noch stockdunkel – und klirrend kalt, als wir das Gasthaus Spinas an diesem frühen Wintermorgen verlassen. Vielleicht um die minus elf Grad Celsius, schätzen wir. Der Schnee knirscht laut bei jedem Schritt, fast zu laut in dieser absoluten Stille. Nur langsam wechselt der Himmel seine Farben: von Schwarz zu Dunkelblau, dann immer heller, bis die ersten Berggipfel der Albulakette in sanftem Rosa aufleuchten. In der Ferne wird ein Geräusch vernehmbar, ein leises Rauschen. Der erste Zug? Wir lauschen. Doch es ist wieder still. War es nur der Wind? Oder der Beverin, der das Val Bever durchfliesst? Nein, da ist es wieder, dieses Rauschen, das sich nun immer deutlicher in ein Rattern verwandelt: der erste Zug aus Bever ist auf dem Weg nach Spinas.

Ein Weiler aus früheren Zeiten

Das Val Bever liegt an der Albulalinie, die zum UNESCO Welterbe Rhätische Bahn gehört. Die RhB verbindet den Weiler Spinas, unmittelbar beim Südportal des Albulatunnels gelegen, mit dem namensgebenden Dorf Bever – dem Tor zum Oberengadin. Die Strasse zwischen den beiden Ortschaften ist nur von Pferdekutschen bedient und für Autos gesperrt, wodurch das Val Bever noch immer sehr unberührt wirkt. Gerade in den frühen Morgenstunden ist abgesehen vom Plätschern des Flusses Beverin kein Geräusch zu hören. Mit der aufsteigenden Sonne rattern dann hie und da die roten Züge der RhB durchs Tal, und dann begeben sich langsam die ersten Winterwanderer oder Langläuferinnen auf ihren Weg durch die idyllische Landschaft. Spinas liegt auf 1815 Metern über Meer und ist kaum besiedelt: Abgesehen vom Gasthaus Spinas gibt es hier nur vier Wohnhäuser – und den Bahnhof. Als der Albulatunnel von 1899 bis 1903 gebaut wurde und Spinas als temporäres Zuhause für viele Bauarbeiter diente, war die Siedlung um ein Vielfaches belebter: Von den 1316 Mann, die am und im Albulatunnel arbeiteten, lebten bis zu 400 im erstellten Barackendorf – doppelt so viele, wie Bever damals Einwohner zählte. Vor allem aus Italien waren die Arbeiter angereist, ab und an auch Väter mit ihren noch minderjährigen Söhnen. Die Arbeit war hart – bis zu zwölf Stunden dauerte so ein Tag im Berg – und das Leben einfach. Fernab von der Zivilisation waren die Männer auf die Infrastruktur angewiesen, die ihnen von der Bauleitung zur Verfügung gestellt wurde: Neben den primitiven Baracken gab es in Spinas damals ein Postbüro, ein Restaurant und eine Waschanstalt. Zeit und Möglichkeiten für Musse gab es nur wenig, höchstens das traditionelle Bocciaspiel war für die italienischen Bauleute eines der seltenen Sonntagsvergnügen. Am 4. April 1903 fährt der erste Zug durch den Albulatunnel bis nach Spinas. Nach Abschluss der Arbeiten und mit der Heimreise der Bauarbeiter kehrt im Weiler wieder Ruhe ein. Das wird sich allerdings – zumindest vorübergehend – erneut ändern: Der alte Albulatunnel muss durch einen neuen ersetzt werden. Im Juni 2014 erfolgte mit dem Spatenstich der Startschuss für die Bauarbeiten der RhB.

Der kälteste Ort Graubündens?

Wenige Schritte ausserhalb von Spinas wird es noch urtümlicher: Sobald wir den Bahnhof hinter uns gelassen haben und einige Schritte neben dem Beverin hergegangen sind, hat uns die Natur in ihren Bann gezogen. Vor allem Lärchen prägen die Landschaft, aber auch viele Arven entwickeln sich in ihrem Schutze. Mit etwas Glück, so hiess es am Vorabend im Gasthaus, könne man auf dem Weg nach Bever sogar Wild beobachten. Dank der klaren, noch immer kalten Luft fühlen wir uns auch in diesen Morgenstunden schon hellwach. «Das Oberengadin und seine alpinen Seitentäler gehören im Kanton Graubünden zu den kältesten bewohnten Hochtälern», bestätigt Hanspeter Lötscher vom ANU unsere Wahrnehmung. Im Val Bever werden keine Messungen vorgenommen, doch in Samedan – nur knappe 2,5 Kilometer weiter südwestlich von Bever – beträgt die durchschnittliche jährliche Temperatur gerade mal zwei Grad Celsius. «Im Januar», so Lötscher weiter, «beträgt die mittlere minimale Temperatur minus 17,1 Grad Celsius. An einzelnen Tagen wurden aber auch schon Temperaturen bis zu minus 35 Grad Celsius gemessen.» Das Val Bever: der kälteste Ort Graubündens? Auch ohne konkrete Messungen vom Tal ist das nach diesen Messdaten zu urteilen durchaus vorstellbar.

Kalt ...

Gut 30 Minuten sind wir mittlerweile auf dem Winterwanderweg marschiert. Vier Kilometer sind es bis nach Bever, dem kleinen Dorf am Ende des Tals. Inzwischen leuchten nicht mehr nur die Bergspitzen der Albulakette golden, auch ein Grossteil des Val Bever liegt im Sonnenschein und mit jedem Schritt steigen auch die Temperaturen. Doch warum wird es denn im Val Bever – und im Engadin ganz allgemein – überhaupt so kalt? Das liege einerseits natürlich an der Höhenlage von rund 1800 Metern über Meer und andererseits an den sogenannten Kaltluftseen, erklärt Hanspeter Lötscher: «Dabei bleibt die kalte Luft in Talbodennähe und in Muldenlagen liegen.» Und die kalte Luft, die kommt aus dem Nordwesten: «Nächtliche Fallwinde von den Bergen rund um den Piz d’Err kommen relativ häufig vor. Fallwinde entstehen, wenn eine Luftmasse zum Überströmen eines Gebirges gezwungen wird – sie tritt dann auf der gegenüberliegen Gebirgsseite als Fallwind auf.»

... dafür umso schöner

Die Winde, die vermögen die Alpenketten zu überwinden. Doch die Niederschläge von Norden und Westen gelangen meistens nicht bis ins Engadin. Und auch Niederschläge von Süden entladen sich zuerst am Bernina-Massiv, nur ein geringer Teil gelange über den Gipfel: «Das Oberengadin liegt eben gut geschützt innerhalb der Alpen», so Lötscher. Der Mythos vom sonnenverwöhnten Engadin ist eben gar keiner. Doch wie steht es dann um den Schnee in diesem Winterparadies? «Aufgrund der kalten Wintertemperaturen schneit es im Engadin naturgemäss weniger, denn grössere Schneemengen gibt es meistens nur bei Temperaturen um die Nullgradgrenze», erklärt der Fachmann. Im Oberengadin gibt es somit auch eine unterdurchschnittliche Anzahl an Niederschlagstagen: Gerade mal an 89 Tagen pro Jahr wurden Niederschläge gemessen – zum Vergleich: in Chur sind es immerhin 104 Tage im Jahr. Ein Glück also, ist es hier so kalt. So bleibt der Schnee zumindest über viele Wochen liegen und Langläufer, Winterwanderer als auch Schneeschuhläuferinnen können während der gesamten kalten Jahreszeit in die Ruhe dieses Winterwunderlands abtauchen. Wir hingegen freuen uns, nach dem knapp einstündigen Morgenmarsch aus der Natur auf- und ins Dorfleben von Bever einzutauchen: Den dampfenden Kaffee im Restaurant da Primo beim Bahnhof Bever haben wir uns redlich verdient – zumindest sicherlich mehr als jene Gäste, die soeben mit dem Zug aus Spinas eingetroffen sind.