Aus Berufung

Zwei Füsse und acht Hände: Wirt Primo Semadeni

Zwei Füsse und acht Hände: Wirt Primo Semadeni - Aus Berufung

Er arbeitet dort, wo andere Ferien haben, blau machen und einfach nur staunen: auf der Alp Grüm, dem beliebten Zwischenhalt auf der Berninastrecke zwischen Pontresina und Tirano. Und er wirtet noch an einem zweiten Ort: am Scheitelpunkt, im Bahnhofbuffet Ospizio Bernina. Die zwei Betriebe halten Primo Semadeni ganz schön auf Trab – seit nunmehr acht Jahren.

Wo bleibt bloss Primo? Es ist 10.15 Uhr – und keine Spur vom Wirt auf Ospizio Bernina. «Keine Sorge, er kommt gleich. Er war noch rasch auf Alp Grüm. Und nimmt jetzt den Zug. In sieben Minuten ist er da», erklärt uns die freundliche Frau hinter dem Buffet. Und tatsächlich: Es schellt die Bahnhofsglocke. «Auf Gleis zwei folgt der Bernina Express aus Tirano», teilt die Stimme aus dem Lautsprecher mit. Und schon steht er vor uns, der Mann, der zwei Restaurants aus einer Hand führt. Stets auf Achse zwischen dem Aussichtsrestaurant auf Alp Grüm – in Insiderkreisen auch als einziges Restaurant mit Nur-Bahnanschluss bezeichnet – und dem Bahnhofbuffet auf der Passhöhe am Bernina. Schon dreimal war er heute unterwegs zwischen den zwei Stationen.

«Organisieren Sie mal einen Monteur am Wochenende! Da erlebt man blaue Wunder.»
Primo Semadeni

Montag heisst Vollgas

«Buon giorno – und scusate, dass ich etwas im Verzug bin. Aber ich musste dringend nach Grüm. Der Abfall musste weg – das ist immer so am Montag. Ist einfach ein verrückter Tag», erklärt Primo. Und die Geschirrspülmaschine macht ihm auch grad Bauchweh. Ausgerechnet am Wochenende, wo besonders viele Gäste anhalten und sich eine grosse Gruppe für Puschlaver Pizzoccheri angekündigt hatte, hat sie schlapp gemacht. Was so viel bedeutet wie: Ärmel hochkrempeln – und von Hand abwaschen. Da läppert sich einiges zusammen, bei bis zu 200 Essen am Tag. «Organisieren Sie mal einen Monteur am Wochenende! Da erleben Sie blaue Wunder – das kann gut und gern vier bis fünf Stunden dauern, bis er eintrifft.»

Logistik ist das Schlüsselthema

«Einmal musste ich sogar den Heli bestellen. Denn die Fritteuse war – natürlich in der Hochsaison an einem Spitzentag am Wochenende – kaputt. Innert zwei Stunden war das neue Gerät da und wir konnten wieder Pommes frites am Laufmeter produzieren.» Ein anderes Mal stellten Primo und sein Team am Sonntagnachmittag mit Schrecken fest, dass ihnen plötzlich das Wasser ausging. Abermals nahte die Rettung aus der Luft: 1 000 Liter Wasser kamen angeflogen – nicht zuletzt dank Primos guten Beziehungen zur Swiss Helikopter AG. Planung ist deshalb die halbe Miete. «Hier kann man nicht plötzlich rasch etwas über der Strasse oder im nächsten Einkaufszentrum holen. Was nicht im Keller ist, fehlt. Noch blöder ist, wenn man vergisst, etwas auszuladen. Wenn der Zug abgefahren ist, ist er weg.» Eben hat Primo wieder drei Paletten Leergut nach Pontresina geschickt und wartet auf die nächste Getränkelieferung. Brot kommt täglich frisch, Tiefkühlprodukte folgen jeweils am Freitag. Im Frühling und Herbst erfolgen zusätzlich die grossen Lieferungen: 17 Paletten à 32 Harassen in einem Güterwagen, der dann für ein paar Stunden auf dem Abstellgleis in Grüm steht, bis alles im Keller verstaut ist.

Immer gut für Neues

«Man darf nie stehen bleiben in unserem Metier», umschreibt Primo sein Credo. Und der Erfolg gibt ihm recht. So hat er in der Sommersaison 2013 – auf eigene Faust – den ersten fliegenden Glace-Handel aufgezogen. Zwei Schüler aus dem Puschlav, die sich ein kleines Sackgeld dazuverdienen wollen, sind für ihn dreimal am Tag im Einsatz. Der eine trägt auf dem Rücken eine Kühlbox, während der andere den Fahrgästen verschiedene Cornets anpreist. Über 700 Stück hat er allein im Juli verkauft. Und sie müssen sich sputen, die zwei Jungs. Zwischen Alp Grüm und Ospizio Bernina bedienen sie in acht Minuten die Triebwagenkomposition. Den Rest des Zugs versorgen sie bis Station Bernina Lagalb, wo sie auf den Gegenzug wechseln – und das gleiche Spiel von vorne beginnt. «Die Leute sind begeistert. Was gibt’s Schöneres, als ein Glace zu verzehren mit Blick auf unser ewiges Eis», schmunzelt Primo, der Geschäftstüchtige.

Gemütlich umgebaut

Apropos Neues: Seit Dezember 2013 verfügt Primo über komplett umgestaltete Gästezimmer – sowohl auf Ospizio Bernina als auch auf Alp Grüm. Statt Massenlager und Etagendusche gibt’s jetzt alpinen Charme mit Eichenholz und Nasszellen im Zimmer. Neun Doppel- und ein Einzelzimmer auf Alp Grüm und vier Doppelzimmer auf Ospizio Bernina warten auf Gäste, welche die Abwechslung und Abgeschiedenheit suchen. Zudem kann man sich hier in Ruhe eine gute Flasche Wein gönnen. Für einmal muss ja niemand mehr fahren – ausser Primo, denn der fährt jeden Abend nach Bever, wo er seit 13 Jahren wohnt, im Bahnhöfli notabene. Als Junger wollte er eigentlich zur Grenzpolizei, aber das dauerte ihm zu lange. So machte er die zweijährige Lehre als Kellner. Und kletterte hernach die Erfolgsleiter in namhaften Grandhotels von Basel bis Pontresina hinauf. Am 1. Oktober 1992 übernahm er das Bahnhofbuffet in Samedan, das er zehn Jahre führte. 2001 kaufte er das Bahnhofbuffet Bever, das heutige «Da Primo», das die RhB hatte abstossen wollen. Dort wird er aber inzwischen von seiner Lebenspartnerin entlastet. 2006 kamen dann Alp Grüm und 2011 Ospizio Bernina dazu. So ist Primo Semadeni nun eigentlich Herr dreier Betriebe mit total 23 Mitarbeitenden, die ihn garantiert auf Trab halten.

Ospizio Bernina und Alp Grüm: frisch renoviert

Ospizio Bernina und Alp Grüm: frisch renoviert

Die beiden Gasthäuser Ospizio Bernina und Alp Grüm an der Berninastrecke der RhB empfangen ihre Gäste nach den umfassenden Umbau- und Renovationsarbeiten mit alpinem Charme.