Glacier Express

Wettlauf der Sehenswürdigkeiten

Wettlauf der Sehenswürdigkeiten - Glacier Express

Der Glacier Express ist berühmt für die beeindruckende Landschaft auf seiner Fahrt von Zermatt nach St. Moritz. Doch wie präsentiert sich diese Strecke entlang der Strasse? Contura machte den Selbsttest und hat die Teilstrecke von Disentis nach St. Moritz parallel mit dem Glacier Express und dem Cabrio befahren … Einige Eindrücke von den beiden Fahrten. 

Zug: Der Glacier Express fährt um kurz nach eins in Disentis ein. Das Mittagessen ist vorüber und das geschäftige Treiben des Servicepersonals ist einer gemütlichen Nachmittagskaffee-Stimmung gewichen. Perfektes Timing: Kaffee und Kuchen sind zum Start dieser Zugreise genau das Richtige! Das gibt’s für die Cabrio-Fahrer wohl nicht …

Cabrio: Wir sorgen selbst für unsere Verpflegung: Bevor es losgeht, gibt es in der Bäckerei Konditorei Goldmann eine kleine Stärkung für die Fahrt. Kaffee und ein Stück Bündner Nusstorte. Übrigens: Die Nusstorte von Goldmann wurde an der Swiss Bakery Trophy 2012 mit der Goldmedaille ausgezeichnet.

Zug: Los geht’s. Die grossen Panoramafenster sind tatsächlich ein Höhepunkt in diesem Zug! Die aufgetürmten Wolken wirken imposant. Und immer wieder trocknen vereinzelte Sonnenstrahlen die Frühlingsregentropfen an den Fenstern.

Cabrio: Es ist Zeit, die Karte zu studieren – die Ziegen, die uns dabei zuschauen, sind leider nicht wirklich eine Hilfe. Die Nebenstrasse, auf der wir stehen, führt zu den Gleisen hinab – aber ist das auch unser Weg? Der Glacier Express zieht an uns vorbei.

Zug: Wir gleiten dem Vorderrhein entlang – und dann sind wir plötzlich mittendrin in der Rheinschlucht. Die Ruinaulta – rätoromanisch für «Geröllhalde» (Ruina) und «hoch» (aulta) – ist nach der letzten Eiszeit entstanden, als bei Flims riesige Bergstürze niedergingen. Imposant, diese Schluchtenlandschaft mit dem klaren Rheinwasser.

Cabrio: Auf der Strecke nach Ilanz wird die Fahrt von diversen Baustellen abgebremst – jetzt fährt uns der Glacier Express definitiv davon. Der Rhein versteckt sich meist hinter Bäumen und Gebüsch. Dafür erhaschen wir einen kurzen Blick auf den Ahorn von Trun, diesen geschichtsträchtigen Baum, unter dessen Ästen am 16. Mai 1424 der Graue Bund gegründet wurde. In Ilanz, der ersten Stadt am Rhein und dem sogenannten «Tor zur Ruinaulta», bleibt uns leider keine Zeit für einen Zwischenstopp.

Zug: In Chur gibt es einen längeren Halt – perfekt für alle Touristen, um sich neben dem Glacier Express in Pose zu werfen und ein Erinnerungsfoto zu schiessen. Aber nicht nur die Touristen erfreuen sich am Glacier Express: In Chur warten bei unserer Weiterfahrt einige Kinder entlang der Strecke und winken, als wir vorbeifahren.

Cabrio: Als wir bei Reichenau-Tamins sind, wo Vorderrhein und Hinterrhein zusammenfliessen, kommt uns bereits der Glacier Express von Chur her entgegen. Scheint doch ein ziemliches Tempo zu haben, dieser langsamste Schnellzug der Welt … Er biegt ab und fährt weiter nach Thusis. Wir nehmen noch einen kurzen Augenschein vom Schloss Reichenau, wo unter anderem der spätere französische König Louis-Philippe I. in der Erziehungsanstalt unterrichtete, die im Schloss untergebracht war. Heute wird das Schloss Reichenau von der Familie von Tscharner als Weingut genutzt. Aber Weingenuss und Autofahren passen nicht ganz zusammen – deshalb geht es rasch weiter in Richtung Solisviadukt.

Zug: Unser Zug fährt über den Solisviadukt in der Schinschlucht. Er überspannt den Fluss Albula und ist mit 85 Metern der höchste Viadukt der UNESCO Welterbestrecke – so erzählt das Tonband, dem die Zugreisenden via Kopfhörer lauschen können. Nur wenige Meter entfernt ist die Strasse zu sehen – und dort ist es wieder: das Cabrio.

Cabrio: Jetzt geht es zügig voran. Wir erreichen den Solisviadukt noch vor dem Glacier Express. Deshalb bleibt Zeit für eine kurze Kaffeepause im Restaurant Solisbrücke in Alvaschein. 

Zug: Ein weiterer Höhepunkt der Zugstrecke bahnt sich an: der berühmte Landwasserviadukt mit seinen fünf hohen Pfeilern. Er gilt als Wahrzeichen der Rhätischen Bahn, und dies nicht ohne Grund: Die Bahntrasse weist im Grundriss einen Kreisbogen mit einem Radius von 100 Metern auf – und nur wegen dieser Kurve kann man auf der Brücke die Fahrt des Zuges in den Landwassertunnel beobachten. Hektik kommt auf. Alle Reisenden stellen sich an den Fenstern in Position, um ein Foto dieses Bauwerks zu knipsen – bevor der Zug ruckzuck mitten in der hohen Felswand verschwindet.

Cabrio: Es geht langsam, aber sicher bergauf, von Filisur Richtung Bergün. Der Glacier Express ist auf der gleichen Strecke unterwegs: Ab und zu blitzen die roten Wagen am Berg auf. Am Bahnhof Bergün machen wir einen kurzen Abstecher ins Bahnmuseum Albula – und dort steht sie, eine der berühmten Krokodilloks, die Ge 6/6 I 407. Doch unsere Fahrt muss zügig weitergehen – wir düsen durch das hübsche Dorf mit seinem unverfälscht historischen Ortsbild.

Zug: Der Glacier Express klettert aufwärts. Zwischen Bergün und Preda liegt einer der bahntechnisch anspruchsvollsten Abschnitte der RhB: Die Züge überwinden hier dank drei Spiral- und zwei Kehrtunnels sowie vier talquerenden Viadukten die über 400 Meter Höhendifferenz scheinbar mühelos. Nicht ohne Grund gehört die Rhätische Bahn in der Landschaft Albula / Bernina seit 2008 zum UNESCO Welterbe.

Cabrio: Den Glacier Express haben wir aus den Augen verloren. Kurz nach Preda passieren wir den Palpuognasee mit seinem klaren, blaugrünen Wasser, das zur Stromerzeugung genutzt wird. Die Temperaturen sinken, je höher wir fahren. Doch der Albulapass entschädigt uns mit wunderschönen Aussichten für die niedrigen Temperaturen: Das Spiel der Wolken und Sonnenstrahlen taucht den Pass in mystische Farben. Wir nehmen uns einen Moment Zeit, um die Stimmung zu geniessen.

Zug: In Spinas verlassen wir den Albulatunnel und durchqueren das idyllische Val Bever. Ab Bever geht es zügig in Richtung St. Moritz, unser Ziel. Die kosmopolitische Gemeinde ist weltberühmt und zählt zu den bekanntesten Kur- und Wintersportorten in den Alpen. Hier zeigt sich die Sonne wieder und wir geniessen, die wärmenden Strahlen im Gesicht, einen Feierabendkaffee.

Cabrio: Vom Albulapass geht es ohne Halt via La Punt-Chamues-ch entlang der ersten elektrifizierten RhB-Strecke Bever – Scuol nach St. Moritz … Der Glacier Express wartet schon auf uns.