Kultur

Vision statt Tunnelblick: Giovanni Netzer

Vision statt Tunnelblick: Giovanni Netzer - Kultur

Er ist Bündner durch und durch – besser: Savogniner – und doch nicht: Giovanni Netzer, der Vater des Kulturprojekts «Origen». Seit gut zehn Jahren ist der Theologe und Träger des Hans-Reinhart-Rings unterwegs, auf der Suche nach neuen künstlerischen Formen zwischen Tanz, Gesang und Wort. Ein Gespräch in drei Akten.

Akt 1: im Herrschaftszimmer

Giovanni Netzer empfängt uns in der herrschaftlichen Villa Carisch in Riom –
ein Oberhalbsteiner, der im 19. Jahrhundert in Paris zu Geld kam, kehrte heim aufs Land und baute dieses Haus mit Scheune.

Sie sind Theologe und Kulturschaffender, waren lange auf grossen Bühnen wie München tätig – und sind nun zurück. Findet man da in eigenen Landen noch Gehör?

Absolut. Klar staunen die Menschen bislang ob der ausgefallenen Ideen. Aber wir geniessen eine breite Unterstützung. Man registriert, dass wir alle Hand anlegen – ich inbegriffen. Und deshalb engagieren sich viele seit Jahren freiwillig bei uns. 

Was reizt Sie am Theater auf dem Lande?

Dass es so unvermittelt und ehrlich ist. Unser Publikum ist breit gefächert. Man spürt sofort, was ankommt und was nicht. So beobachte ich zum Beispiel öfter Dorffrauen, die zusammen auf einem Bänkli sitzen und darüber diskutieren, welcher Schauspieler ihnen am besten gefallen hat.

Akt 2: zwischen den Kostümen

Wir schreiten durch die Scheune. Überall hängen Kostüme von vergangenen Produktionen. Giovanni Netzer lässt seine Werke Revue passieren.

Was ist eigentlich Ihr Prachtstück im Fundus?

Das gibt es nicht. Jedes Werk erhält eine massgeschneiderte Ausstattung. Aber wie ein roter Faden zieht sich die Zusammenarbeit mit dem Atelier Jakob Schlaepfer in St. Gallen durch unsere Historie. Dessen Chefdesigner Martin Leuthold produziert für uns Textilien, die es so noch nicht gibt. Sprich: Unsere Bühne ist sein Labor. Wie beispielsweise bei diesem Talar aus Bachs h-Moll-Messe, wo er Goldfäden verarbeitet hat. Nicht selten verwenden grosse Couturiers wie Karl Lagerfeld und Co. nachher Stoffe aus solchen Experimenten.

Sie sind bekannt für ausgefallene Ausstattungen – woher nehmen Sie die Ideen für diese speziellen Kostüme?

Primär braucht es eine klare Vorstellung von der Rolle und vom Bühnenbild als Ganzem. Letztlich steht und fällt der Effekt aber mit dem Akteur, der die Figur verkörpert.

Und was waren die verrücktesten Experimente in Ihrer Karriere?

Wir haben zum Beispiel für die Oper «Mikael» Kostüme aus Metzger-papier gefertigt. Magisch-effektvoll waren auch die Glasfaserkleider für diese Oper. Klassisch verspielt mit Zitaten von Picasso kam die Opera buffa «Delila» daher. Wir gehen immer ans Limit.

Akt 3: im Garten

Wir sitzen bei Espresso und Kuchen. Giovanni Netzer taut auf – und erzählt, wieso er trotz Angeboten aus aller Welt am liebsten im Surses weilt.

Sind Sie viel auf Reisen?

Ja, aber nur beruflich. Privat bin ich am liebsten hier. 

Und woher holen Sie sich die Inspiration?

Aus meinen verschiedenen Begegnungen mit Menschen und Künstlern – und natürlich aus meinem Kopf. 

Kein Blick nach Berlin oder Paris?

Natürlich. Aber ich bin immer skeptisch. Berlin beispielsweise frönt einem bestimmten Zeitgeist. Wien und Hamburg behagen mir da schon eher. Letztlich entsteht – zumindest bei uns – ein Stück und damit etwas Neues aus der Konstellation von Menschen.

Und Zürich – keine Option für Sie? 

Doch, absolut. Die Theater- und Kunstszene in Zürich hat sich stark gewandelt. Wir stossen auf viel Goodwill beim dortigen Publikum, ein Drittel stammt aus dem Unterland. Ebenso haben wir treue Sponsoren wie die Elektrizitätswerke Zürich oder die städtische Kulturabteilung. 

Was ist Ihr Bezug zum Zug, zur Rhätischen Bahn?

Nun, da gibt es zwei: Erstens war ich ein leidenschaftlicher Modelleisenbahn-Fan. Und zweitens konnte ich stundenlang Züge bestaunen, die ein- und ausfahren. Leider halt in Tiefencastel, weil wir in Savognin keinen Bahnhof haben. Auch so ein Missgeschick der Geschichte.

Zu guter Letzt: Wohin geht die Reise mit «Origen»?

Wissen Sie, wir planen hier nicht auf zehn Jahre hinaus. Wir entscheiden kurzfristiger, mit einem Horizont von zwei, drei Jahren. Am wichtigsten ist vorerst, dass wir – Scheune sei Dank – bald mit dem Ganzjahresbetrieb starten können. Und natürlich träumen wir alle vom grossen Neubauprojekt in Riom von Stararchitekt Peter Zumthor …

«Origen» auf Achse: ein Elefant auf Reisen

«Origen» auf Achse: ein Elefant auf Reisen

Abul Abbas war ein Elefant. Nicht irgendeiner, sondern ein Geschenk von Kalif Harun ar-Raschid für Karl den Grossen. Giovanni Netzer und sein Ensemble «Origen» erzählen zum RhB-Jubiläum die beschwerliche Reise des Dickhäuters von Bagdad nach Aachen – lange, bevor es eine Alpenbahn gab.