Nächster Halt

Morgenrot in bäumigen Hütten

Morgenrot in bäumigen Hütten - Nächster Halt

Es heult der Uhu, ein sanfter Morgennebel verhüllt den Wald, es zischt der Wind. Drinnen in der Baumhütte riecht es nach frischem Harz. Und im grossen Familienbett kuscheln Luca (9), Gianna (4) und Alessia (11), flankiert von Mami und Papi. Es ist Märchenzeit im Madrisa-Land ob Klosters auf 1 900 Metern über Meer.

«Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute.» So endet das Märchen vom Wolf und den sieben Geisslein. Und so startet der Tag in der Baumhütte im Madrisa-Land für Familie Solér. Mami Daniela hat soeben den Klassiker im grossen Bett erzählt, vor dem Zmorge, auf leeren Magen sozusagen. Es blinzelt die Sonne durch die rot-weiss karierten Vorhänge ins bäumige Turmzimmer auf natürlichen Stelzen. Zeit zum Aufstehen – raus in den Erlebnispark und rein ins Vergnügen!

Stauen wie die Grossen

Platsch! Und schon liegt die Kleinste im Bunde im knietiefen Wasser. Zu innig war Giannas Wunsch, ins Ruderbötchen zu hüpfen, mit dem sie hätte herumgondeln wollen. Pudelnass rappelt sie sich auf. Sie weiss nicht, ob ihr zum Lachen oder zum Weinen zumute sein soll – hat sie doch zur Feier des Tages extra ihr pinkes Röcklein angezogen. Ein paar Tränchen fliessen, doch nach zwei, drei Minuten ist der kalte Schock vergessen. Und schon geht das Abenteuer weiter: beim Stauen am Alpenbach, wo Luca fachmännisch bereits die richtigen Riegel geschoben hat, sodass der gezähmte Strom das Wasserrad antreibt. Er hat sein technisches Flair nicht gestohlen. «Ganz der Papa – immer etwas am Tüfteln, am Schalten und Walten», schmunzelt selbiger, seines Zeichens Eismeister in der Vaillant Arena, wo der HC Davos jeweils um Punkte und Meistertitel kämpft.

Die trockenen Kleider gondeln ein

Nahtlos entschwinden die wilden drei zur Stutzli-Hüpfburg, wo sie sich gegenseitig in die Höhe treiben. «Zu Hause haben wir auch ein Trampolin. Es kann sich nur um Stunden handeln, wenn die erst mal richtig in Fahrt kommen», warnt Mutter Daniela. Doch bald sind sie wieder über alle Berge. Es kommt zum Familienwettkampf: Männer gegen Frauen, beim heiteren Tennisball-Spicken. Wer trifft am meisten Füchse aus Pappkarton? Für einmal haben die Herren der Schöpfung die Nase vorn. Aber der Trost lässt nicht lange auf sich warten: Wie von Geisterhand schweben trockene Kleider für Gianna herbei. Wir sind im Märchenland. Die gute Fee von der Rezeption hat per Gondel aus dem Tal extra ein neues Set mit T-Shirt, Stretchhose und Pullover einfliegen lassen. Gianna tauscht – nach einigem Zögern (die Farben wollen ihr nicht so recht gefallen) – ihr provisorisches Handtuch-Outfit gegen die trockene Ware.

Mit Ziegen um die Wette klettern

Und schon ist sie wieder verschwunden: im Geissler-Tierpark bei Alpacas, Shetty-Ponys, Schweinen, Hühnern und Zwergziegen. Die zotteligen Genossen lassen sich so allerhand gefallen – und wenn es ihnen zu bunt wird, klettern sie auf den nächstgelegenen Stein. Dicht gefolgt von Klein-Gianna, die ebenfalls vom Fels herunterwinkt. Über unseren Köpfen saust zeitgleich Luca vorüber – auf dem 200 Meter langen Flying Fox. Alessia ist schon das dritte Mal vom Sagenturm auf der 70-Meter-Riesenrutschbahn zu Tale gerauscht. Die Zeit verfliegt im Madrisa-Land. Einzig der Hunger holt die Rasselbande zurück in die Realität.

Eine verrückte Idee wird wahr

Es ist Zeit für eine Familienportion Chicken Nuggets mit Frites. Und da höckeln sie, im gemütlichen Restaurant, auf der Bank mit Fell. Zur heiteren Runde stösst Hacher Bernet dazu, der Vater der Baumhütten und des Erlebnisparks auf Madrisa. Er gilt im Prättigau als Wagemutiger, andere nennen ihn auch einen «Verrückten». «Einige meinten, ich sei ein Kindskopf, als ich die Idee im 2006 aufbrachte. Vielleicht bin ich es auch, aber das Madrisa-Land war der einzige vernünftige Weg, wie wir im Sommer wieder Leben an den Berg bringen konnten.» Der Vollblut-Unternehmer aus Klosters überzeugte Politiker mit tatkräftiger Unterstützung eines prominent besetzten Patronatskomitees von seiner Idee dieser bäumigen Hütten im Märchenwald.

100 Prozent behindertenfreundlich

Unbeirrt geht Bernet seinen Weg. Sein Herz schlägt für die Kinder. Insbesondere auch für Behinderte, denn diese schlafen und essen gratis im Madrisa-Land. Alle Wege sind rollstuhlgängig. Und der Erfolg gibt ihm recht: Über 1 000 Logiernächte generiert er mit den Baumhütten pro Saison. Vor allem am Weekend sind die drei Hütten über Wochen hinaus ausgebucht. Die meisten Gäste, primär Schweizer aller Altersklassen, bleiben eine Nacht. Und kommen wieder: in dieses alpine Traumland von 1001 Nacht.