Aus der Werkstätte

Echt bündnerisch: der Schlittenbauer aus Sri Lanka

Echt bündnerisch: der Schlittenbauer aus Sri Lanka - Aus der Werkstätte

Stabil steht er da, auf seinen zwei Kufen, von A bis Z aus hochwertigem Eschenholz und frisch geölt: der Schanfigger Schlitten – handgefertigt in der Kavi Schreinerei in Peist. Für die Rettung der alten Schweizer Handwerkskunst setzt sich «Kavi» persönlich ein: Kavithas Jeyabalan, der 1984 als tamilischer Flüchtling in die Schweiz kam. Ein wahres Märchen.

Wie um Himmels willen ist er bloss hier gelandet? Diese Frage stellt sich unweigerlich auf der Zugfahrt von Chur nach Peist, wo der einstige tamilische Flüchtling Kavithas Jeyabalan seit bald 30 Jahren zu Hause ist. Berge und tiefe Schluchten wohin man schaut, ab und zu ein kleines Dorf. Nicht mehr als 200 Einwohner, wie in Peist, eine halbe Stunde von Arosa entfernt. Wunderschöne Natur, schweizerische Idylle, wie sie im Buche steht – aber scheinbar am Ende der Welt.
Es ist die RhB, die ihn schliesslich hier hinauf gebracht hat: «Ich war gwundrig, wo dieser rote Zug wohl hinfährt», erzählt Kavi, wie er sich allen vorstellt. Und so stieg er eines Tages in Chur, wo er im Asylheim wohnte, in diese kleine rote Bahn und fuhr rauf, bis nach Arosa. In einer Schreinerei fragte er nach Arbeit – und blieb statt der geplanten zwei Monate ganze zehn Jahre.

«Die Schweizer schätzen eine hohe Qualität. Wenn sie etwas kaufen, soll es einfach halten.»
Kavithas Jeyabalan

In der Werkstatt aufgewachsen
Heute führt Kavi in Peist sein eigenes Schreinergeschäft mit sieben Angestellten. Was als Ein-Mann- Betrieb in einem Schuppen begann, ist inzwischen ein florierendes Unternehmen auf drei Stockwerken — was Kavi allerdings nicht den berühmten Schlitten verdankt, die er mit seinem Team hier oben fertigt: «Viel Geld lässt sich mit den Schlitten nicht verdienen – damit könnte ich nicht einmal einen meiner Angestellten bezahlen», lacht er. Mindestens acht Handwerksstunden und Materialkosten von bis zu 300 Franken stecken in einem Schlitten – da bleiben bei einem Stückpreis von 400 bis 500 Franken nicht viel mehr als 20 Franken pro Schlitten übrig. Doch die Schlitten, die sind für Kavi sowieso mehr Hobby und Leidenschaft denn Geschäft – Geld verdient er mit dem Ausbau von Küchen und Innenräumen. Qualität schreibt er aber bei all seinen Arbeiten gross: «Die Schweiz lebt von hoher Qualität. Und für mich ist das die beste Reklame.» Das handwerkliche Können hat ihm vermutlich sein Vater schon in die Wiege gelegt: Ihm gehörte in Sri Lanka ebenfalls eine Schreinerei/Drechslerei. Die Werkstatt war Kavis Kinderstube, und so verwundert es nicht, dass er am Technical College – einer Art Fachhochschule – in Sri Lanka Schreiner lernte. Doch der Aroser oder eben Schanfigger Schlitte, wie Kavi ihn nach seinen einigen Verbesserungen umbenannt hat, lernte der heute 49-Jährige erst bei seinem damaligen Chef in Arosa kennen.

Handwerk für die Ewigkeit
Ob er es seltsam finde, dass ausgerechnet ein Exot aus dem Ozean den Schweizer Edelschlitten rettet? «Nein», sagt er. «Ich bin stolz darauf, dieses Schweizer Handwerk zu erhalten.» Das Holz für seine Schanfigger Schlitte liefert ein Schreinerei aus dem Sarganserland. Schweizer Esche muss es sein: Eschenholz bleibt ruhig und verzieht sich auch bei Feuchtigkeit kaum. Mit der Fräse werden die 22 Einzelteile zugeschnitten, aus denen der Schanfigger Schlitten gebaut wird. Das besondere Merkmal von Kavis Schlitten: Sie kommen ganz ohne Metallverstrebungen und fast ohne Schrauben aus. «Alles, wo hebe muess, isch gstämmt», erklärt Kavi im Schanfigger Dialekt. Das bedeutet, dass die Längsleisten durch die Löcher in den Querleisten hindurch geführt werden – oder eben im Fachjargon: die Zapfen werden durch die Schlitze gestemmt. Dadurch ist der Schlitten besonders stabil: «Da lottert gar nichts. So ein Schlitten hält 20 bis 25 Jahre», sagt der Schreiner. Spezielles Augenmerk legen Kavi und seine Mitarbeitenden auch auf die zwei Kufen: Sie werden in einem Stück in die richtige Form gebogen, dann erst in zwei Teile geschnitten. So wird sichergestellt, dass die beiden Kufen sich nicht unterschiedlich verbiegen und absolut identisch sind – nur so bleibt der Schlitten perfekt in der Spur. Ist das Holzgefährt fertig zusammengebaut, wird bei der Endkontrolle nochmals geprüft, ob die Kufen ganz flach am Boden aufliegen — erst dann wird der rostfreie Chromstahl angebracht, der für eine schnelle Fahrt sorgt. Die Sorgfalt lohnt sich: Bei den Schlittenrennen im Tal sind die Fahrer mit Kavis Schlitten jedenfalls regelmässig ganz vorne mit dabei. Doch nicht nur viele Schanfigger besitzen einen Schlitte aus Kavis Schreinerei, auch viele Unterländer, Berner und Basler — und sogar Eros Ramazotti hat einen echten Schanfigger Schlitten. Qualitätsarbeit ist eben tatsächlich die beste Reklame.

«Es dauerte zwei Jahre, bis ich mich in Bündnerdeutsch verständigen konnte.»
Kavithas Jeyabalan

Nicht nur Schweizer, sondern Einheimischer
Diesen Erfolg als Schreiner hat sich Kavithas Jeyabalan Stück für Stück aufgebaut. Im Dorf und im Tal kennen und schätzen ihn alle – ein Beispiel gelungener Integration, das fast wie ein Märchen klingt. Doch dahinter stecken Fleiss und harte Arbeit: Als Kavi vor bald 30 Jahren in die Schweiz flüchtete, sprach er kein Wort Deutsch — geschweigen Bündnerdialekt. «Die fremde Sprache war, abgesehen vom kalten Klima, definitiv das Schwierigste. Irgendwann stellte sich die Frage: Kehre ich zurück nach Sri Lanka oder bleibe ich in der Schweiz? Ich hatte einen Job hier – und dann lernte ich Vreni, meine jetzige Frau kennen. Also entschied ich mich zu bleiben.» Und von da an setzte er alles daran, die hiesige Sprache zu lernen, um mit den Menschen zu kommunizieren, sich zu integrieren. Wort für Wort schrieb er sich auf, was er hörte, in Deutsch und Schweizerdeutsch. Heute spricht Kavi fast besser Schanfigger Dialekt als Tamil. «Im Moment habe ich zwei Angestellte aus Sri Lanka, deshalb brauche ich ab und zu wieder Tamil. Aber meistens spreche ich auch mit ihnen konsequent Deutsch.» 1990 heiratete er seine Vreni und gründete eine Familie: Gleich gegenüber der Schreinerei bewohnen die beiden mit ihren fünf Kindern ein altes Bauernhaus, dessen Innenräume Kavi – selbstverständlich – renoviert hat. Er sei mindestens so schweizerisch wie die Einheimischen, sage seine Frau immer: Das viele «Chrampfen», die Pünktlichkeit, das Bewusstsein für Qualität, das alles ist Kavi in Fleisch und Blut übergangen. Das Tanzen in der Trachtengruppe ist gemeinsames Hobby von Vreni und Kavi Jeyabalan. Anfang der 90er-Jahre liess er sich einbürgern. Seine tamilische Offenheit, die hat sich der Peister aber bewahrt: «Ich bin von Anfang an auf die Leute hier zugegangen und habe mit allen gesprochen. Egal ob alt oder jung, ich kann eigentlich mit allen im Dorf gut. Und auch meine Familie ist so geworden: Wir mögen es, mit Besuch gesellig zusammenzusitzen oder zu kochen, auch ganz spontan und unkompliziert.» Ganz klar: Der Tamile Kavithas Jeyabalan hat im Bergdorf Peist seine zweite Heimat gefunden. Und die Schlitten? Die laufen wie eh und je – im übertragenen Sinn genauso wie auf dem Schlittelweg. Und wenn es nach Kavi geht, nochviele weitere Jahre: Darum hat er das traditionelle Handwerk auch seinen Mitarbeitenden beigebracht. Doch vorerst bleibt er noch selbst im Sattel – oder eben auf dem Schlitten: «Die nächsten 20 Jahre mache ich sicher noch weiter!», sagt Kavi überzeugt.