Tradition

Voll im Saft: der Bündner Röteli

Voll im Saft: der Bündner Röteli - Tradition

Man braucht nicht rot zu werden, wenn man ihn (noch) nicht kennt. Doch wer den dunkelroten, traditionsreichen Gewürztrank erst einmal für sich entdeckt hat, dem wird warm ums Herz. Denn er weckt Feriengefühle – oder Heimweh. Für alle Davos-Fans, die auf dem Weg ins Landwassertal auch in Schiers einen Halt einlegen wollen: für ein Glas Röteli von Kindschi Söhne AG.

«Mein Grossvater, der war so ein richtiger Charmeur. Er zog von Hof zu Hof – und machte den Bauernfräulein buchstäblich den Hof. Ganz en passant entlockte er jeder ihr Geheimnis. Und so entstand es: unser Geheimrezept für den Bündner Röteli», stellt Rico Kindschi nüchtern fest. Der trockene Schalk eines Berglers steht ihm ins Gesicht geschrieben. Die Davoser Wein- händler und Schnapshersteller hatten es offensichtlich faustdick hinter den Ohren, als es um die richtige Zusammensetzung dieses feinen Tropfens ging, der es unterdessen bis in die Gestelle der Grossverteiler geschafft hat. Dieser «Chriesi-Schnaps» – eigentlich ein Likör aus Trockenkirschen – bringt Heimwehbündner nicht erst seit heute ins Schwärmen.

Wer hat’s erfunden? Die Walser
Rötelis gab es einst wie Sand am Meer. Oder mit den Worten von Rico Kindschi: «Röteli-Rezepte gibt’s so viele wie Schwiegermütter, sagt man.» Jede Bauernfrau in und um Davos, im Prättigau, im Domleschg und sogar bis in die Hauptstadt Chur hat ihren eigenen Röteli zu Hause angesetzt. Wo der Röteli ist, waren auch die Walser. Dieser Bergstamm, der einst aus dem Wallis über die Pässe nach Graubünden vorstiess, hat diesen Zaubertrank erfunden und verbreitet. Von Familie zu Familie, von Generation zu Generation wanderten die Rezepte. Im Prinzip ist der Röteli nichts anderes als Wasser, Schnaps, gedörrte Kirschen und Gewürze. Getrunken wurde das feine Mazerat damals zur Silvesternacht. «Dann läuteten die verheirateten Männer das Altjahr aus. Und das neue Jahr wurde durch die Junggesellen eingeläutet. Sie zogen los, von Hof zu Hof, um Glück und Segen zu wünschen, zum neuen Jahr und im Stall. Oder genauer: um den Töchtern des Hofs den Hof zu machen. Als Belohnung gab es jeweils einen Schluck Röteli. Und der Schlucke wurden mehr und mehr – und der guten und bisweilen auch frommen Wünsche ebenso», schmunzelt Kindschi, der dieses Ritual noch selbst mitgemacht hat. Er, aufgewachsen in Davos Dorf, wo nicht weit vom Bahnhof Dorf bis 2012 die Produktionsstätte von Kindschi Söhne AG gestanden hat, ist auch um die Häuser gezogen. Es sei eine Art von Dating gewesen, lange vor Internet und Facebook. Freundschaften und auch Liebschaften fürs Leben seien hier entstanden, dank des Liebestranks.

«Der Name kommt von den roten Kirschen.»
Rico Kindschi

Der Beste ist der Ausgewogenste
«Ein guter Röteli soll im Gaumen eine Vielfalt von Geschmacksnoten freisetzen. Kein Gewürz darf vorherrschen. Ausgewogenheit ist das A und O», erklärt Kindschi. Und weist nicht ganz ohne Stolz auf die 100000 Liter hin, die er jährlich produziert. Tendenz steigend. Davos ist klar Nummer eins bei der Herstellung des Likörs. Und wie macht man einen guten Röteli? Zuerst brauche er hochqualitative Dörrkirschen. Wie bitte: Kirschen in Davos, auf 1500 Metern über Meer, weit über der Fruchtbaum-Grenze? Ganz früher hätten die Säumer mit ihren Lasttieren die getrockneten und lange haltbaren Köstlichkeiten aus Italien und dem Orient hergebracht. Später habe er diese in der Schweiz beziehen können. Nun aber müsse er die drei bis vier Tonnen Kirschen aus der Türkei anliefern lassen, weil die Schweizer nicht mehr genügend Menge garantieren könnten. Auf 240 Kilogramm Kirschen pro Stahltank kommen 16 Kilogramm Gewürze: Zimt, Vanille, Nelken und Kardamom – der Rest bleibt geheim. Dazu kommen 2000 Liter Kernobstschnaps, zumeist Apfel oder Birne, mit einem Alkoholgehalt von 40 Prozent. Fünf Monate liegen die Kirschen im Saft. Ab und zu werden sie durchgerührt. «Es geht darum, dass der Schnaps möglichst viele Aromastoffe herauslöst, nicht zuletzt auch aus den Kirschsteinen, die dem Röteli den feinen Bittermandelton verleihen.» Danach werden die eingelegten Kirschen und Gewürze nochmals gebrannt. Dieser raffinierte Kirschen-Nektar wird mit Wasser verdünnt, auf die gewünschten 22 Volumenprozent hin konfektioniert, filtriert, abgefüllt und etikettiert. Und dann in die grosse weite Welt spediert: als Bündner Röteli, verpackt mit der bekannten Etikette. Zum Beispiel nach Bangkok, wo ein Schweizer typische Spezialitäten anbietet. Auch das World Economic Forum war schon Abnehmer von Röteli, der den Teilnehmenden in «Alphörnli» aus Glas serviert wurde.

Man kennt und liebt ihn
«Sie können sich nicht vorstellen, welche Emotionen unser Röteli weckt. Beziehungsweise neuerdings der Steinbock», berichtet Kindschi. Als er und sein Werber nämlich beschlossen, das Sujet auf der Etikette zu verändern, meldete sich allerhand Kundschaft. Die einen schwärmten, weil sie sich jetzt noch näher an den Bündner Bergen wähnten, andere meinten eine Veränderung im Geschmack festgestellt zu haben – was definitiv nicht der Fall gewesen sein kann, denn das Rezept blieb haargenau dasselbe. Seit Generationen. Und seit Kindsbeinen arbeitet Rico Kindschi im Betrieb mit. In Berlin erlernte er einst am Institut für Gärtechnologie das Schnapsbrennen. Dann destillierte er eineinhalb Jahre bei Volg, bevor er zusammen mit seinem Bruder das Geschäft übernahm. «Ob es eine sechste Generation geben wird, die den Betrieb weiterführt, wissen wir noch nicht. Wir hoffen es natürlich. Deshalb investieren wir auch nochmals tüchtig», erklärt Kindschi. Per 2012 sind die Kindschis talwärts gezogen – wie einst ihre Vorfahren, die Säumer. Nach Schiers, auch eine Walsersiedlung übrigens. Dort steht die topmoderne Produktions- und Verkaufszentrale, gerade vis-à-vis dem Bahnhof. Und Rico Kindschi pendelt: mit der RhB zum neuen Arbeitsplatz.

Fein zu allen Jahreszeiten:

Fein zu allen Jahreszeiten:

Bündner Röteli Coupe