Glacier Express

Kleine grosse Welt im Glacier Express

Kleine grosse Welt im Glacier Express - Glacier Express

Er gehört zu den Top Ten auf der Welt: der Glacier Express. Das Zugpferd der RhB zieht Menschen aus aller Herren Länder an. Jeden Tag formt sich so ein neuer Nationen-Mix – eine Welt für sich. Ein Protokoll von drei Begegnungen im rollenden Schmelztiegel der Kulturen von St.Moritz nach Zermatt.

Wagen 44, Sitze 11 und 12, 2. Klasse:
Indisch essen mit Namrata Surendar und Rahul Prasad
Sie sind gerade seit zehn Tagen in der Schweiz. Beide stammen aus Bangalore im Süden Indiens. Und nun leben sie in Passugg, ob Chur. Was um Gottes Willen hat die jungen Inder in die Ferienecke der Schweiz verschlagen? Der Tourismus. Die angehenden Profis absolvieren ein Nachdiplomstudium an der Swiss School of Tourism and Hospitality. Und ihr Antrittsbesuch gilt dem Glacier Express. Ihr erster Eindruck? «Unglaublich. Ich kann mich gar nicht sattsehen», meint sie. Und er mit Profiblick: «Das ist ja ein Hotel auf Rädern. Ausser, dass wir hier nicht übernachten können, leider. Und ein wenig schaukeln tut’s auch – das Servicepersonal muss ganz schön vorsichtig sein, damit es nicht kleckert.» Natürlich habe man die Schweizer Berge und Züge in den Bollywood-Filmen gesehen, zuhauf sogar. Aber dass diese Natur eine derartige Ruhe ausstrahle, das hätte er nicht gedacht. Dieses atemberaubende Erlebnis sei perfekt für indische Gäste, meint sie. Apropos: Die zwei Hotelfachleute haben indische Menüs vorbestellt. Namrata geniesst das vegetarische Jalfrezi-Gericht. Sie isst kein Fleisch, aus religiöser Überzeugung. Rahul wählt das Chicken Masala. Vorerst verspeisen sie brav den Salat. Zu Hause ässen sie nie Salat, das sei unüblich in Indien. Das Joghurt-Dressing schmeckt soweit. Auf Brot verzichten sie: «Wir sind dunkles Brot nicht gewöhnt. Wir essen Fladenbrot, Roti Prata oder Naan, meistens zusammen mit dem Reis und Hauptgericht – und von Hand», so Namrata. Die Hauptgerichte schmecken authentisch, finden beide. Etwas mehr Schärfe wäre gut. Aber in Europa sei man da vorsichtig. «Vielleicht wären Pickles sinnvoll, dann kann jeder Gast seinen Schärfegrad selbst bestimmen», schlägt Rahul vor. Der Reis kommt gut an: «Mit einigen kandierten Früchten, gerösteten Cashewnüssen und Senfsamen oder ein paar frittierten Curry-Blättern wäre er noch indischer.» Und sie fügt an: «Ich würde eventuell das Rindfleisch durch Lamm ersetzen, weil in Indien Kühe heilig sind.» Zum Dessert ist klar, was es braucht: Swiss Chocolate natürlich! «Das passt perfekt zu diesem Zug, der das Beste der Schweiz in konzentrierter Form bereithält.»

Bahn-Tipps in Indien

Bahn-Tipps in Indien

Wir haben die Gelegenheit beim Schopf gepackt und die beiden indischen Fahrgäste Namrata Surendar und Rahul Prasad nach schönen Bahnfahrten in Indien gefragt.

Wagen 44, Sitze 45 und 46, 2. Klasse:
Feiern mit Renate und Friedrich Schliephake
«Zur silbernen Hochzeit wollten wir uns etwas nicht Alltägliches leisten. St.Moritz, Zermatt plus Glacier Express in vier Tagen schienen uns gerade richtig, zumal der Preis für das Pauschalangebot auch stimmt, wenn man früh genug bucht», sagen Renate und Friedrich Schliephake aus der Nähe von Goslar im Harzgebirge, wo sie sonst mit der Brockenbahn – auch mal mit Dampfloks – unterwegs sind.
Der Zug durchquert die herbstliche Rheinschlucht, den Grand Canyon der Schweiz. Die Schliephakes staunen, kein Wort. «Toll. So wuchtig habe ich mir das nicht vorgestellt», sagt sie. Er stimmt zu: «Im Fernsehen sah das auch spektakulär aus, aber so – unvorstellbar. Wissen Sie, die Sendung mit Leonard, dem Schlagersänger, der auf Reisen geht. Ist er nicht auch Schweizer?» Zweimal haben sie den Bericht über den Zug schon gesehen, bevor es endlich richtig losging. Die Fahrt in echt übertrifft alle Erwartungen. Keine Spur von Langeweile, nicht eine Sekunde. «Alle sind so nett, freundlich. Jeder fragt, ob er uns behilflich sein könne.» Der Tagesteller wird serviert: Gulasch, Reis und Gemüse. Sie hatten nur den Sitzplatz im Voraus reserviert, nicht aber das Menü. Da wollten sie sich überraschen lassen. Sie scheinen es zu geniessen, essen lautlos, weil sie den Informationen aus den Kopfhörern lauschen. Wenn da nur nicht diese Ohrstöpsel wären, die dauernd rauspurzeln. Sie muss lachen. «Wie machen das bloss die Koreaner dort drüben? Bei denen scheinen die Dinger zu sitzen. Vielleicht sind unsere Ohren einfach zu gross – oder wir zu unbegabt. Denn das System ist perfekt, sehr diskret, niemand wird gestört.» Und schon wird der Nachtisch gereicht: Tiramisu. Schmunzelnd schiebt Renate Schliephake ihren Teller in die Tischhälfte ihres Gatten. Dieser langt zu, die zwei Portionen sind expressmässig verschwunden. Ob es geschmeckt habe? «Und ob. Sieht man’s nicht? Einzig den Reis beim Hauptgang, den könnte man durch Kartoffeln ersetzen. Wir Deutschen sind Kartoffelesser. Aber das ist Geschmacksache», meint er. Sonst ist er rundum zufrieden. Sie kämen wieder, mit Garantie. Dann auf den Bernina Express. Als Erinnerung haben sie sich eine DVD gekauft. «70 Minuten Glacier Express. Statt 1000 Bilder zu knipsen, zeigen wir unseren Freunden zu Hause lieber professionelle Aufnahmen. Seien Sie versichert: Wir sind nur die Vorhut.»

Wagen 45, Sitze 43 und 44, 1. Klasse:
Japanische Ansichten von Shoichi Tamura und Satuki Hirata
Ein Erstklass-Wagen, voll besetzt mit japanischen Gästen. Eine bunt zusammengewürfelte Gruppe auf Sondertour. Alle mit – mindestens einem – Fotoapparat ausgerüstet. Pausenlos klickt es. Und lacht es, denn genauso beliebt wie die Landschaft sind auch Schnappschüsse im Zug, zu zweit, zu dritt auf dem Bild. Wir sind inzwischen auf der Strecke zwischen Chur und Disentis. Es geht im Eiltempo. Generalstabsmässig wird das Essen in drei Gängen serviert. Ein Salat, dann Reis und Fisch, speziell für die Gruppe. Das Tagesdessert ist überall gleich: Tiramisu. «Meine Gäste lieben Süsses – vor allem Schweizer Schokolade», erklärt die Reiseleiterin. Zügig wird gespeist. Man will ja nichts verpassen. Die Panoramasicht aus den überdimensionierten Fenstern sei das Beste – da ist man sich im Wagen einig. Und die Deckenfenster seien das Allerbeste, so was hätte man noch nie gesehen. Etwas so Spektakuläres finde man in Japan nicht. Vielleicht der Odoriko-Zug auf der Ito-Linie, wirft jemand ein, jener Expresszug zwischen Tokio und Shimoda, der biete auch «nice views». Aber der Glacier Express sei unschlagbar. «Vergleichbar ist nur der Hiram Bingham von Cusco nach Machu Picchu. Die Strecke ist gewaltig, auch überall Täler, Schluchten, Wasser», sagt Shoichi Tamura aus Tokio. Er hat den Klassiker in den Anden mit seiner Frau bereist. Heute sind sie zu dritt mit einer Bekannten unterwegs. Ob sie denn schon eingekauft hätten? «Zu hohe Preise», ächzt er. Und greift im Spass zur Brieftasche: «Empty, you know.» Die Japaner, erklärt die Reiseleiterin, seien etwas shopping-müde. Wenn, dann würden sich Japaner nur noch Prestige-Dinge leisten. «In wenigen Minuten erreichen wir Andermatt», tönt es aus dem Lautsprecher. Es wird hektisch. Rasch sind die Mützen aufgesetzt, die warmen Jacken zugeknöpft. Startklar für die Weiterfahrt mit dem Car nach Visp. Das geht schneller als im langsamsten Schnellzug der Welt.

Für die RhB an der Front

Für die RhB an der Front

Vinita Vasu ist das Gesicht der RhB in Indien. Von Delhi aus betreut sie seit Januar 2012 den indischen Markt. Ein grosses Unterfangen in einem grossen Land.