Aus Berufung

Ein Mann, ein Plan: der Fahrplaner

Ein Mann, ein Plan: der Fahrplaner - Aus Berufung

Er ist so etwas wie der Chef des laufenden Fahrplans. Bei ihm und den Kollegen der Betriebszentrale Landquart laufen die Drähte zusammen. Und bisweilen auch heiss, wenn draussen Wind und Wetter den Weichen oder der Stromzufuhr zusetzen. Marco Margadant, oberster Fahrplaner bei der RhB, entscheidet in Sekundenschnelle, damit die Züge im Takt bleiben. Pünktlichkeit ist oberstes Gebot.

Ist es ein Spinnennetz? Oder eher ein Schnittmuster, was hier auf dem Tisch im Büro 003 im RhB-Verwaltungsgebäude liegt? Beides trifft irgendwie zu, wenn es um Marco Margadants Arbeit geht. Hier sitzt er: der oberste Fahrplaner. Vor seinem Bildschirm spinnt er gerade Gedanken, wie der Fahrplan des übernächsten Jahres aussehen könnte: «Wir sind der Zeit immer voraus. Wir müssen es sein, denn unsere Partner wie SBB oder PostAuto, welche die Zubringer und Anschlüsse garantieren, planen auch immer schon eineinhalb Jahre im Vorfeld.»

Im Fingerumdrehen simuliert
Mit wenigen Klicks entwirft er aufgrund des vorgegebenen Fahrplankonzepts zuerst den grafischen Fahrplan. Auf dem Bildschirm erscheint ein wirres Gebilde aus Strichen, das Streckennetz sozusagen. Der erste Durchgang beim Fahrplanen gehört nämlich dem Fahrweg. «Wobei, um präzise zu sein: Zuoberst steht immer der Kundenwunsch – soweit er wirtschaftlich umsetzbar ist. Wir müssen uns fragen: Können wir diese Strecke sinnvoll betreiben und auslasten?» Nächster Klick, andere Farbe: Der Strecke werden eine Lokomotive und eine Zugformation mit Wagen zugeordnet. Und noch ein Klick, wieder in einer neuen Farbe: Der Zug ist bestückt, mit Lokführer und Zugbegleiter. Das ist zwar Handarbeit, aber nicht mehr wie früher, als sämtliche Fahrpläne noch von Hand mit Bleistift aufgezeichnet und mit Stecknadeln an der Wand befestigt werden mussten. Heute erledigt dies eine Standardsoftware. «Wenn mein PC nicht läuft, kann ich nur noch die Post leeren. Dann geht hier nichts mehr.» Doch wer meint, Margadant sitze nur vor dem PC, irrt: 50 Prozent seiner Arbeitszeit verbringt er mit Koordinationssitzungen – mit Kollegen aus der Produktion, aber auch mit Beauftragten aus der Personalabteilung.

«Wir sind der Zeit immer voraus. Das müssen wir sein – so wie unsere Partner.»
Marco Margadant
Pünktlich, pünktlich, pünktlich!

Pünktlich, pünktlich, pünktlich!

Marco Margadant darf stolz sein: Im letzten Jahr sind 95,7 Prozent der RhB-Züge pünktlich beziehungsweise mit einer Verspätung von höchstens fünf Minuten am Zielort eingetroffen.

Von der Pike auf gelernt
Sein Handwerk hat Margadant von Grund auf erlernt. Die ersten Gehversuche bei der RhB machte er 1974 bis 1978 als Maschinenzeichner in den technischen Büros der Werkstätten in Landquart. Am 1. April 1979 startete er die Ausbildung als Lokführer. Bis 1990 kurvte er auf dem ganzen Streckennetz umher. So auch ein Jahr auf der Bergstrecke von Chur nach Arosa. «Das war besonders interessant. Technisch, weil wir mit einer anderen Spannung –2400 Volt Gleichstrom – unterwegs waren. Praktisch, weil diese speziellen Triebwagen eher störungsanfällig waren – und die Strecke auch nicht ohne ist. Im Winter wartete da ab und zu eine Überraschung: ein Baum, der die Fahrleitung trennte, oder Schneemassen, die uns am Weiterkommen hinderten.» Unterdessen kennt Margadant fast jede Schwelle auf den 384 Kilometern RhB. 1990 wurde er Ausbildner der Lokführer, 1995 übernahm er die Lokleitung. Seine Passion sind die 1500 bis 3200 Kilowatt der RhB-Maschinen. «Lokführer sein ist wie eine Krankheit. Und auch als Fahrplaner bin ich gerne bei meinen Kollegen an der Front. Wenn ich die Routen selbst abfahre, spüre ich am besten, wo die fahrplantechnisch heiklen Stellen sind, und plane realistischer», ist Margadant, seit 2001 nun Leiter Produktion (oder wie es heute korrekt heisst: Netzplanung und -steuerung), überzeugt. 

«Wenn ich die Routen selbst abfahre, erkenne ich die heiklen Stellen.»
Marco Margadant

Kopfweh wegen sechs Minuten
Es geht um wenige Minuten, wenn es – neben der Sicherheit – ums oberste Credo von Margadant geht: pünktlich, pünktlich, pünktlich sein. In 96 Prozent der Fälle ist dies die RhB auch – sprich: Die Züge fahren innert der erlaubten fünf Minuten Toleranz ein. Heikel wird es bei Baustellen, wo langsames Fahren angesagt ist. Das frisst am meisten Zeit. Mit den Infrastruktur-Fachleuten muss er monatelang im Voraus bewusst Verspätungen einkalkulieren, damit im Endeffekt sein Plan aufgeht. Dreh- und Angel- punkt sind die Umsteigebahnhöfe von Landquart und Chur. Hier müssen die Gäste die Anschlüsse der SBB erwischen. Sechs Prozent Fahrzeitreserve und Umsteigezeiten von nur sechs Minuten sieht Margadant vor.

Und dann und wann kann der sonst ruhige Bündner unangenehm werden. «Eigentlich ist das Fahrplaner-Dasein ein undankbarer Job: Man muss immer allen auf die Füsse treten. Aber es geht nicht anders. Das Gerüst muss eingehalten werden, gehauen oder gestochen.» Und wenn trotzdem alle Stricke reissen, erinnert sich Margadant an den Tipp eines Polizeikommandanten bei den gemeinsamen Einsätzen am World Economic Forum in Davos: «Morgen ist ein neuer Tag.» Wie zum Beispiel im Lawinenwinter 1999, wo die Fahrplaner keinen Tag wussten, wie ihnen geschieht, sprich: was läuft oder eben auch nicht.

Macht sich einen Sport aus den speziellen Tagen
Wenn wir gerade bei den anspruchsvollen Momenten sind: Wann kommt Marco Margadant so richtig in Fahrt? «Wenn ich meinen eigenen Fahrplan machen kann, zum Beispiel während des Swiss Alpine Marathon in Davos», gibt er zu Protokoll. Dann erstellt der weitsichtige Churer einen Interimsfahrplan – mit geplanten Verspätungen! «Natürlich nicht zufällig, sondern exakt nach Sonderfahrplan, den aber die Kunden nicht im Detail kennen. Oder besser: kennen müssen. Hauptsache, wir haben die vorgesehenen Verspätungen im Griff.» Bei solchen sportlichen Grossanlässen, wo eine grosse Gästezahl transportiert sein will, hat Margadant liebend gerne sei- ne Finger im Spiel. Dann kann er schalten und walten, wie es ihm gefällt.

Zwei Traumjobs

Zwei Traumjobs

Mit ebenso viel Leidenschaft wie Marco Margadant arbeitet auch Daniel Hauser für die RhB – aber nicht nur: Der Einsiedler ist Lokführer bei der RhB und Pilot bei der Edelweiss Air.