Brauchtum

Bündner Bräuche rund ums Jahr

Bündner Bräuche rund ums Jahr - Brauchtum

Der Erhalt von Brauchtum und Tradition wird in Graubünden grossgeschrieben: Das ganze Jahr über pflegen verschiedene Gemeinden und Dörfer jahrhundertealte Bräuche. 

Januar
«Dreikönigs- und Sternsingen»

Um den Dreikönigstag ziehen in den katholischen Gegenden Schülerinnen und Schüler als die Heiligen Drei Könige verkleidet von Haus zu Haus. Sie singen alte und neue Dreikönigslieder, darunter auch religiöse Weisen aus dem 17.Jahrhundert. Oft werden die drei Könige von einem Sternträger, Dienern oder Soldaten begleitet. In bunten Kostümen und mit glänzenden Kronen wandern sie durch die Dörfer und sammeln Geld für Kinderhilfswerke – und für Süssigkeiten. 

Februar
«Schlitteda Engadinaisa»

Alljährlich an einem Sonntag im Januar oder Februar feiern die Oberengadiner die «Schlitteda Engadinaisa» – das genaue Datum dieses Dorffests bestimmt die «Guiventüna», ein Rat der jungen Burschen. Mit festlichen Pferdeschlitten und in der rot-schwarzen Engadiner Tracht machen sich die Dorfbewohner an diesem Tag auf zu einer rund zweistündigen Pferdeschlittenfahrt durch die verschneite Landschaft. Früher war die «Schlitteda» ausschliesslich ein Fest für ledige Paare: Der Bursche lud sein Mädchen formell zur gemeinsamen Fahrt ein. Mit der Zeit hat sich der Brauch zu einem Dorffest gewandelt, an dem sich sowohl Ledige wie auch Verheiratete erfreuen. Die Feierlichkeiten werden mit dem «Schlitteda-Ball» beendet. 

Februar / März
«Scheibenschlagen»

Am ersten Fastensonntag wandert die männliche Jugend aus Untervaz sobald es dunkelt zu sogenannten Scheibenplätzen oberhalb des Dorfes. Jeder trägt eine Fackel, eine lange Haselrute und Holzscheiben aus Buchenholz mit sich. Oben angelangt, stecken sie die Scheiben einzeln auf die Rute, bringen sie im Feuer zum Glühen und schleudern sie dann mit Schwung von der Abschussrampe ins Tal hinunter. Jede Scheibe wird begleitet von einem Ruf: einer Widmung für ein Mädchen oder eine ledige Frau. Die Musikgesellschaft begleitet danach den Fackelabzug mit Blasmusik. Zurück im Dorf besuchen die Burschen die Mädchen, wo man sie verpflegt. Ganz ähnlich wird die Tradition auch in der Surselva noch heute gelebt. 

März
«Chalandamarz»

Am 1. März ziehen Schulkinder – meist in blauen Bauernkitteln und roten Zipfelmützen – am frühen Morgen mit Kuhschellen und Peitschen durch die Dörfer und singen Lieder. So wird der Winter lautstark vertrieben. Schön dargestellt wird der «Chalandamarz» im Kinderbuch «Schellenursli». Der Brauch, der im Engadin, Münstertal, Bergell, Puschlav, Misox, Oberhalbstein und Albulatal ausgeübt wird, gestaltet sich von Dorf zu Dorf verschieden: Die Scuoler duellieren sich im Peitschenknallen, der Ftaner «Chalandamarz» gleicht einem Fasnachtsumzug – die Burschen sind kostümiert und hauen die Mädchen mit aufgeblasenen Schweinsblasen. In Poschiavo und im Misox wird ein Schneemann als Symbol des Winters verbrannt. 

April
«Hürnä»

Nach der Schneeschmelze treffen sich die Männer und Burschen in Furna an zwei, drei Sonntagen zum «Hürnä», einer einfachen Form des Spiels Hornussen, wie man es nur in diesem Prättigauer Dorf kennt und spielt. An der tiefsten Stelle des Hangs wird die hölzerne Schlaglatte aufgestellt, etwa 20 Meter oberhalb befindet sich das Zielfeld. Aufgabe der Schläger ist es, den «Huri» – die hölzerne Spielscheibe, ähnlich einem Eishockey-Puck – mit dem zwei Meter langen Haselstock von der Schlaglatte ins Zielfeld zu schleudern. Die Fänger andererseits versuchen, den Huri mit Fangschindeln in der Luft zu stoppen. Jeder Huri, der im Zielfeld nicht abgefangen wird, zählt ein «Gutes». Trifft der Huri einen Fänger, gibt's zwei «Gute». 

Mai
«Maiensässfahrt»

Seit bald 160 Jahren — seit 1854 — findet in Chur jedes Jahr an einem sonnigen Tag im Mai die «Maiensässfahrt» der Schuljugend statt: Morgens um sieben Uhr wandern die rund 3000 Schulkinder mit ihren Lehrerinnen und Lehrern durch das Obertor aus der Stadt hinaus und zu den umliegenden Maiensässen hinauf, wo sie den Tag in den Bergen beim Spiel und Bräteln geniessen. Am Abend empfängt die Spalier stehende Stadtbevölkerung die Schulkinder, die durch die Strassen von Chur zur Quaderwiese ziehen, wo nach der offiziellen Ansprache alle zusammen das Churer Stadtlied und das Maiensässlied singen. Als Höhepunkt gilt der Moment, wenn eine Lehrperson den Kindern zuruft: «...und moora isch schualfrei!»

Mai / Juni
«Kränzli und Tschäppel»

Jedes Jahr am Auffahrtstag pflücken die Mütter und Grossmütter im Prättigau Enzian, Vergissmeinnicht, Hahnenfuss, Gänseblümchen und andere Frühlingsblumen, die auf den Prättigauer Wiesen wachsen, und flechten daraus für ihre Töchter und Enkelinnen in sorgfältiger Handarbeit Haarkränzchen. Für die Buben gibt es kleine Sträusschen, sogenannte «Tschäppel», die am Revers befestigt werden. So geschmückt und in feiner Tracht oder Kutte besuchen die Dorfbewohner dann gemeinsam den Gottesdienst. Die Kinder aus Luzein und Pany werden sogar mit Ross und Wagen zur Kirche kutschiert. Den Auffahrtstag verbringen die einzelnen Dörfer unterschiedlich, oft mit einem festlichen Umzug vor oder nach dem Gottesdienst. 

November
«Kastanien-Klopfen»

Den eigentümlichen Brauch des Kastanien-Klopfens kennt man nur im Bergell. Hier werden die Kastanien in speziellen Dörrhäusern, den «Cascine», fünf bis sechs Wochen lang getrocknet. Bei einem geselligen Fest im November «klopfen» die Bergeller dann die Kastanien, um die Frucht von der Schale zu trennen. In einem grossen Teil der italienischen Schweiz und im bündnerischen Bergell spielte die Edelkastanie während Jahrhunderten in der Ernährung eine bedeutende Rolle. Wichtig war insbesondere auch die Aufbewahrung der Früchte, die in den kleinen, zu diesem Zweck errichteten Gebäuden erfolgte. Noch heute ehren die Bergeller jedes Jahr «ihre» Kastanie: mit dem Kastanienfestival im Herbst. 

Dezember
«Barchinas»

In Scuol feiert die Dorfbevölkerung zum Jahresende am 31. Dezember den alten Brauch der Lichterschiffchen: «Barchinas», rätoromanisch im Idiom Vallader für «Schiffchen». Es ist ein Lichterfest aus heidnischer Zeit: Am Silvesterabend füllen die Kinder des Dorfes Schiffchen aus Nussschalen oder Rindenholz mit flüssigem Wachs, versehen sie mit einem Docht, zünden ihn an und legen die Schiffchen dann in die Dorfbrunnen der alten Scuoler Quartiere. Dem Sinn nach feiert der Brauch die Wintersonnenwende vom 21. oder 22. Dezember, er wurde aber womöglich durch das christliche Weihnachtsfest nach hinten verdrängt. Die schwimmenden Lichterschiffchen symbolisieren das siegreiche Licht, das die Nacht durchdringt.