Nächster Halt

Vinschgau: Paradies jenseits des Prellbocks

Vinschgau: Paradies jenseits des Prellbocks - Nächster Halt

In Scuol ist die Bahnreise beendet. Und zwar nicht irgendeine beliebige Bahnreise, nein, sie alle: Hier enden die Gleise der RhB. Projekte, die Bahnstrecke bis in den Vinschgau zu verlängern, existieren zwar, wurden aber (noch) nicht umgesetzt – und dabei gibt es auf dieser Strecke so viel zu sehen und zu erleben! 

Keine 20 Kilometer sind es von Scuol bis zur italienischen Grenze. Ein Katzensprung könnte man meinen. Und doch eine Hürde, die – zumindest mit der Bahn – nicht so einfach zu nehmen ist. In Scuol ist nämlich Endstation: Eine Bahnverbindung zwischen dem Engadin und dem Südtiroler Vinschgau existiert nicht. Seit 2009 setzt sich das «Internationale Aktionskomitee Bahnverbindung Engadin–Vinschgau» dafür ein, diese Lücke im europäischen Eisenbahnnetz zu schliessen. Seit letztem Herbst ist allerdings bekannt, dass dieses Projekt von der Bündner Regierung vorläufig zurückgestellt wurde. Aber keine Sorge, dank der RhB und ihren Partnern gelangen Reisende trotzdem in den Vinschgau: per Postauto und Bus von Scuol oder Zernez bis nach Mals, von wo es mit der neuen Vinschgerbahn weitergeht. 

Übrigens: Graubünden und den Vinschgau verbindet eine jahrhundertealte Legende. Benedetg Fontana, der politische Vermittler und Schweizer Hauptmann auf der Fürstenburg im Vinschgau, tat sich im Schwabenkrieg 1499 heldenhaft hervor: In der Schlacht an der Calven im Val Müstair soll er, kurz vor dem Tod, die Mitkämpfer angefeuert haben: «Heute Bündner und Bünde* oder nimmermehr.» Nach dem Helden ist auch ein RhB-Zug benannt: der Triebzug 3507 heisst Benedetg Fontana. (*Kanton Graubünden)

 

Genusskammer in den Bergen
Kulinarisch kommen im Vinschgau sicherlich alle auf ihre Kosten: Im Frühling gibt es Spargel aus dem unteren Vinschgau und im Sommer ist es Zeit für Kirschen, Erdbeeren und Aprikosen, den so genannten Vinschger Marillen. Und beinahe legendär sind die Vinschger Äpfel, die einst an den Kaiserhof nach Wien und sogar an den Zarenhof in St.Petersburg verschickt wurden. Der Apfelanbau im Vinschgau erstreckt sich von Partschins nördlich von Meran bis nach Schluderns im mittleren Vinschgau. Die klimatischen Bedingungen des Tales und die vielen Sonnentage begünstigen das Wachstum beliebter Apfelsorten, wie beispielsweise von Golden Delicious.

Von Rittern und Mönchen
Wer sich für mittelalterliche Kultur interessiert, muss im Vinschgau wohl mehrmals Halt machen. Zum Beispiel in der Nähe des Reschenpasses, wo die Etsch ihren Ursprung hat und ein einsamer Kirchturm aus dem Wasser des Stausees ragt. Oder im Benediktinerkloster Marienberg in Burgeis. Auch das Schloss Churburg bei Schluderns mit dem Arkadengang und der grössten Sammlung an Ritterrüstungen Europas lohnt den Besuch, genauso wie Reinhold Messners Schloss Juval.

Dolcefarniente
Bereits seit vielen Jahrhunderten ist Meran beim Adel für sein mildes und wohltuendes Klima bekannt. Im Laufe der Zeit entwickelten die Meraner ihre Kurkompetenz geschickt weiter. So wurde aus dem Klimakurort 1940 auch ein Thermalkurort, Anfang der 70er-Jahre entstand das Kurbad Meran, und im Dezember 2005 wurde schliesslich die Therme Meran eröffnet – mit einem vom weltbekannten Designer Matteo Thun gestalteten Innenleben. Zu den bekanntesten Meran-Liebhabern aus früheren Zeiten zählen übrigens Kaiserin Sissi von Österreich sowie die Schriftsteller Morgenstern, Rilke, Schnitzler und Kafka.

Das weisse Gold
Ein ganz besonderes Vinschger Unikat stammt aus Laas und Göflan: der weisse Marmor, der seit der Antike am Nördersberg abgebaut wird. Im 19. Jahrhundert wurde der Laaser Marmor in neoklassizistischen Prachtbauten in Metropolen wie Wien, London, Rom oder Berlin verarbeitet – und die Halle des Hauptbahnhofes in New York ist ebenfalls mit diesem Stein bestückt. Der älteste Nachweis über die Verwendung von Laaser Marmor ausserhalb Tirols findet sich allerdings in Chur: Der Churer Präses Viktor liess um 720 n.Chr. aus dem Vinschgau einen Marmorgrabstein herbeischaffen. Bekannt ist auch die Marmorstatue von Karl dem Grossen im Kloster St.Johann in Müstair, das seit 1983 zum Weltkulturerbe der UNESCO gehört.