Aus Berufung

Herr der Lüfte und der Gleise: Daniel Hauser

Herr der Lüfte und der Gleise: Daniel Hauser - Aus Berufung

Davon träumt jeder Bub, jedes Mädchen: Daniel Hauser (40) hat zwei Traumberufe in einem. Drei Wochen pro Monat steuert er durch die Lüfte – als Kapitän von Edelweiss Air. Und eine Woche im Monat rollt er durch Graubünden, als Lokführer für die Rhätische Bahn. Der beneidenswerte Einsiedler ist ein Weltenbummler – heute da und morgen dort. Und doch ist er auf dem Teppich geblieben. 

13.44 Uhr, Touchdown von WK 177 aus Antalya, auf der Runway 14 in Zürich. Vier Minuten später steht der Vogel still, am Gate E47. Am Steuer sitzt Daniel Hauser. Der 40-jährige Einsiedler ist seit 12 Stunden auf den Beinen. Oder besser gesagt: in der Luft. Routiniert, ruhig und zugleich relaxed wirkt der Pilot, obwohl es im Flieger, der nun zwei Stunden am Boden stehen wird, bevor er wieder nach Skopje abhebt, wie in einem Bienenhaus zu- und hergeht. Die Flight Attendants bestücken die Sitztaschen neu, die Reinigungscrew ist mit mobilen Staubsaugern unterwegs, die Kabinenchefin lobt eine Air Hostess, die eben ihren dritten Flug mit Bravour bestanden hat. Daniel Hauser wischt sich die Hände mit einem Feuchttüechli, bevor er sich auf den letzten Check-Rundgang um seine «Victoria», den Airbus 320, macht. Papierarbeit muss sein. Konzentriert geht er die Sache an: Kontrollblick in die Triebwerke, Check der Pneus, des Leitwerks und der Aussenhaut des Fliegers. Alles in Ordnung, Unterschrift und fertig. Daniel Hauser packt seine Siebensachen im Cockpit. Im Crewcenter geht er zielstrebig zum Operations-Control-Büro. Dann taucht er ab, in den Untergrund: in die Gänge mit den endlos langen Schrankreihen, fast wie im Sportcenter. Hier hängen sie, die Uniformen der unzähligen Piloten, die gerade irgendwo in der Luft schweben. Für Daniel Hauser heisst es fliegender Wechsel: von der Edelweiss- in die RhB-Uniform. 

«Pilot oder Lokführer: Beides ist anspruchsvoll und faszinierend zugleich.»
Daniel Hauser

Happy End – trotz verhängnisvollem Satz    
Daniel Hauser macht keine halben Sachen – und trotzdem ist er Diener zweier Herren. Seit September 2002 ist er Lokführer bei der RhB, seit Oktober 2004 düst er für Edelweiss Air um die Welt. Aber der Reihe nach: «Eigentlich habe ich im Januar 1999 die Ausbildung als Pilot, damals noch bei der Swissair, gemacht. Nach anderthalb Jahren war ich startklar, aber nach gut einem Jahr kam das berühmte Grounding. Und ich war arbeitslos.» Was tun? Der studierte Geograf ist um keinen Ausweg verlegen – und bewirbt sich bei den Schweizerischen Bundesbahnen auf eine Lokführerstelle. Er kassiert eine Absage. Weil seine Mutter aus dem Val Lumnezia stammt, schlägt sein Herz seit Kindsbeinen für die Rhätische Bahn. Er wagt es und schickt eine Blindbewerbung. Der Chefausbildner «Lokführer» lädt ihn ein. Und stellt ihm beim Vorstellungsgespräch die folgenreiche Frage: «Wenn Sie je wieder die Chance zum Fliegen kriegen würden, würden Sie zusagen?» – «Ja klar.» Diesen Satz hätte er besser nicht gesagt. Die Personalleiterin schüttelt den Kopf. «Das war’s dann wohl.» Aber nein: Hauser bekommt seine Chance, die Schnupperfahrt gefällt. Und nach 18 Monaten ist er fertig ausgebildet und für die RhB in Fahrt. Doch dann klingelt das Telefon erneut: Der Chefausbildner von Edelweiss will wissen, ob es ihn nicht gelüste, wieder als Pilot zu arbeiten. «Um Himmels willen, ich will doch gar nicht weg von der Bahn, schon gar nicht jetzt», schiesst es Hauser durch den Kopf. Kaum zu fassen, das undenkbare Szenario war eingetreten. Und das Happy End ebenso: Denn weil Edelweiss Air, die damals noch Kuoni gehörte, sowieso nur eine 50-Prozent-Anstellung bieten konnte, erfüllte sich der Traum vieler Jungs und Mädels. Und jener von Daniel Hauser erst recht. 

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«Piloten und Lokführer müssen immer auf der Höhe der Situation sein, unter allen Umständen.»
Daniel Hauser

Immer gern auf Achse
So steht er heute zu 80 Prozent (oder drei Wochen pro Monat) im Dienst seiner Fluggesellschaft – zu 20 Prozent arbeitet er für seine RhB. Und was ist anstrengender, Flug oder Zug? «Beides ist anspruchsvoll und faszinierend zugleich. Und bei beiden Jobs geht es um das Gleiche: Man muss Natur und Technik in Einklang bringen, die Maschine bei Wind und Wetter im Griff haben. Zudem arbeiten wir im Dienstleistungsgewerbe primär für Feriengäste. Meine Passagiere sollen sich jederzeit gut aufgehoben fühlen, sei es im Flugzeug oder im Zug. Und last but not least: Beide Arbeitgeber zählen zu den besten Marken des Schweizer Tourismus», erklärt ein sichtlich stolzer Daniel Hauser, der mit Leib und Seele für beide Unternehmen einsteht. Rund um die Uhr ist er auf Achse, mal kurz ein Boxenstopp daheim in Einsiedeln, mal in Trimmis, wo er ein Zimmer hat, dann wieder im Personalhaus im Depot Samedan. Sein Leben ist eines, das von hoher Disziplin und grossem Durchhaltewillen geprägt ist. Kennt Daniel Hauser so etwas wie Jetlag? «Eigentlich nicht. Auch hier kommt mir zugute, dass das Bahnfahren ähnlich wie das Fliegen einen anderen Rhythmus kennt. Schon oft habe ich um 3.30 Uhr frühmorgens meinen Güterzug zusammengestellt. Beim Fliegen ist es immerhin erst 5.00 Uhr, wo ich zum Briefing mit meinen Kollegen am Flughafen sein muss», meint Hauser augenzwinkernd. 

«Man muss Natur und Technik miteinander in Einklang bringen.»
Daniel Hauser

Schon als Kind steuerte er Modellflieger    
Und was macht er, wenn er nicht fliegt oder Zug fährt? Dann rollt er trotzdem. Mit seinem Bike erkundet er die Berge. Oder er lässt sein Modellflugzeug fliegen, das er, wie sollte es anders sein, seit Kindsbeinen besitzt. Und was möchte ein Mensch, der eigentlich schon alle Traumberufe ausüben kann, künftig noch lernen: «Ich halte mich da an die drei ominösen L-Berufe: Lokführer, Linienpilot und – wer weiss – vielleicht eines Tages: Lehrer für Geografie.» Einen geeigneteren Lehrer für Erdkunde gäbe es wohl kaum auf Erden.