Brauchtum

Heidi lebt: Botschafterin beständiger Werte

Heidi lebt: Botschafterin beständiger Werte - Brauchtum

«Heidi, deine Welt sind die Berge», heisst es im Lied der bekannten (japanischen!) Zeichentrickserie von 1974. Heidi gehört zu den berühmtesten Exportartikeln der Schweiz, konkret: des Bündnerlands. Doch aus welchen Bergen die erfolgreiche Botschafterin genau kommt, darüber ist man sich bis heute nicht ganz einig. 

Der Alpöhi, der Geissenpeter, Fräulein Rottenmeier, die gehbehinderte Klara und natürlich Heidi: Die ganze Welt kennt die Protagonisten der «Heidi»-Bücher. Johanna Spyris Geschichte vom Bergmädchen, das mit seinem unbeholfenen Charme der grossen Welt – oder zumindest den Frankfurter Stadtbewohnern – und ihrem knorrigen Grossvater das Herz öffnet, ist eine der erfolgreichsten Kindergeschichten weltweit. In wenigen Jahren nach der Erstpublikation wurden die Bücher «Heidis Lehr- und Wanderjahre» (1880) und «Heidi kann brauchen, was es gelernt hat» (1881) zum Welterfolg. In über 50 Sprachen wurden die beiden «Heidi»-Bücher bisher übersetzt, rund um den Erdball wird «Heidi» gelesen und viele Film- oder Fernsehadaptionen sind weitherum berühmt. Heidi ist damit eine Markenbotschafterin par excellence – das hat natürlich das Bündnerland schon längst erkannt. Nur: Bis heute ist man geteilter Meinung darüber, wo Heidi denn nun wirklich herstammt – aus der Bündner Herrschaft oder vielleicht doch eher aus der Gegend um St.Moritz? 

Heidi zieht um
«Vom freundlichen Dorfe Maienfeld führt ein Fussweg durch grüne, baumreiche Fluren bis zum Fusse der Höhen, die von dieser Seite gross und ernst auf das Tal herniederschauen. [...] Auf diesem schmalen Bergpfade stieg am hellen, sonnigen Junimorgen ein grosses, kräftig aussehendes Mädchen dieses Berglandes hinan, ein Kind an der Hand führend [...]». So beginnt die Geschichte von Heidi, wie es von seiner Tante Dete zum Alpöhi gebracht wird. Ganz klar also: Heidi ist in der Umgebung von Maienfeld, in der Bündner Herrschaft geboren. 

«Weil ich tausendmal lieber heim will zum Grossvater auf die Alm, als sonst alles auf der Welt.»
Heidi

Doch der bekannte «Heidi»-Film von 1952 mit Elsbeth Sigmund als Heidi und Heinrich Gretler als Alpöhi lässt das Mädchen weiter südlich aufwachsen: Das Dorf Maienfeld war zu dieser Zeit baulich bereits zu stark verändert, weshalb als Schauplatz vor allem die Gegend um Bergün gewählt wurde. Und schliesslich gibt es die erfolgreiche Fernsehserie von 1978 mit Katia Polletin (notabene Österreicherin) als Heidi und dem Bündner Stefan Arpagaus als Geissenpeter, die im Oberengadin – in der Region rund um das mondäne St.Moritz – gedreht wurde. Und damit war der Kampf um die wohl berühmteste Markenbotschafterin der Schweiz endgültig eröffnet... 

Heidi – eine Erfolgsgeschichte

Heidi – eine Erfolgsgeschichte

Die beiden Kinderbücher «Heidis Lehr- und Wanderjahre» und «Heidi kann brauchen, was es gelernt hat» von Johanna Spyri aus den Jahren 1880 und 1881 gehören zu den bekanntesten Kinderbüchern der Welt. Mit ihren Heidi-Büchern schuf Johanna Spyri ein noch heute weit verbreitetes romantisches und idealtypisches Bild der Schweiz.

Eine Region leiht sich Heidi
«De Schneller isch de Gschwinder»: Als findiger Kurdirektor von St.Moritz wollte Hanspeter Danuser – übrigens auch Mitinitiant beim Relaunch des Glacier Express und der Bewerbung der RhB für das UNESCO-Welterbe – auf die Erfolgswelle der in seiner Gegend gedrehten Fernsehserie aufspringen und liess den Begriff «Heidiland» 1979 ins Markenregister eintragen. Doch der Markenname konnte sich in St.Moritz nicht durchsetzen. Vielleicht, weil das beschauliche, treuherzige Image des Alpmädchens Heidi doch nicht so ganz zum eleganten St.Moritz passen wollte? Das bleibt dahingestellt. Doch Danusers Engagement war trotzdem nicht für die Katz: Seit 1985 vermarktet St.Moritz den Markennamen «Heidiland» und lizenziert ihn seit 1989 an Mövenpick und die gleichnamige Autobahnraststätte bei Maienfeld sowie seit 1997 an «Heidiland Tourismus». 

Der Geissenpeter von damals

Der Geissenpeter von damals

Der Bündner Stefan Arpagaus wurde als Geissenpeter in der Heidi-Serie von 1978 – von der auch eine Filmfassung entstand – zum Fernsehstar. Heute lebt der 45-Jährige in Einsiedeln, arbeitet für einen internationalen Sportartikelhersteller, ist glücklich verheiratet und hat zwei Söhne.

Die Krux dabei: Das Gebiet, das seinen Namen dem berühmten Heidi entlehnt, hat zu weiten Teilen mit der Herkunft des Bergmädchens wenig zu tun. Die Ferienregion «Heidiland» zieht sich nämlich dem ganzen Walensee entlang, von Weesen über Walenstadt und Sargans bis nach Bad Ragaz und Maienfeld, wo schliesslich das Gebiet beginnt, aus dem Heidi gemäss Buchquelle tatsächlich stammt. Bewusst arbeitet Heidiland Tourismus deshalb nicht ausschliesslich mit der literarischen Figur Heidi – obwohl natürlich das Heidi-Dorf ob Maienfeld mit seinem Heidi-Haus durchaus ans Buch anknüpft –, sondern vermarktet auch den umfassenderen «Mythos Heidi», der die Integration weiterer Assoziationen und damit Angebote ins Heidiland-Konzept zulässt: Werte wie Freundschaft, Geborgenheit und Heimat sind für Produktgestaltung und Vermarktung zentral. Das gefällt – offenbar – vor allem Schweizern, Deutschen und Niederländern, die sich an der Spitze der Logiernächtestatistik im Heidiland befinden. So lebt Heidi immer weiter, wird adaptiert und neu interpretiert – wie im Fall von Japan, wo Heidi bis heute sehr erfolgreich ist –, aber bleibt dabei, was sie immer war: eine Botschafterin, die für Werte wie Natur und Freundschaft einsteht. 

Einfach, natürlich, niedlich: Heidi in Japan
Mit der 1974 produzierten Zeichentrickserie «Heidi», die typische Elemente der Anime-Kultur in den Charakter Heidi transportierte, wirkte Japan massgeblich auf das globale Bild von Heidi ein. Um die Landschaft in der Serie möglichst realistisch zu gestalten, reisten die Schöpfer Isao Takahata und Hayao Miyazaki in die Schweiz und die Gegend von Maienfeld. Sie legten Wert auf einen international verständlichen Zeichenstil, der die «Heidi»-Geschichte entgrenzte und sie zu einer zeit- und ortsunabhängigen Parabel machte – sie internationalisierten Heidi. Bis heute ist Heidi in Japan ein Symbol für kindliche Unschuld sowie eine reine Natur und bedient damit die japanische Sehnsucht nach blauem Himmel, Bergen mit weissen Gipfeln, grünen Wiesen, Bergtieren und Unverdorbenheit. Der in «Heidi» thematisierte Gegensatz zwischen dem urbanen Frankfurt und der Alp spiegelt einen Konflikt wider, den auch Japan durchlief: die rasche, umfassende Industrialisierung und Modernisierung in einem Land, das sich selbst aufgrund seines religiösen Hintergrunds (Shintoismus und Buddhismus) als eng mit den Geistern der Natur verbunden sieht.