Nächster Halt

Scuol

Scuol - Nächster Halt

Im Sommer gurgelts, sprudelts und fliessts, im Winter zeigt es sich von seiner eisigen Seite: Das (Mineral-)Wasser von Scuol. Wer in der Unterengadiner RhB-Endstation Halt macht, befindet sich buchstäblicham Quell des modernen Thermalbädertourismus – und löscht gleich noch den Durst. Jederzeit und überall.

Luzius, Carola und Bonifazius: Diesen klingenden Namen hat Scuol zu verdanken, was es heute ist. Es sind drei der rund zwanzig Quellen, die in der Gegend um den bekannten Kurort aus dem Boden sprudeln und Scuol zum Mineralwasserdorf werden liessen. Luzius und Co. befördern Wasser ans Tageslicht, das nach einer bis zu 25-jährigen Reise im Untergrund aus dem Boden tritt – angereichert mit Mineralien wie Sulfat, Carbon oder Magnesium. Ein Reichtum auf kleinstem Raum, der auf ein in den Alpen einmaliges geologisches Phänomen zurückzuführen ist: das Unterengadiner Fenster. Dabei handelt es sich um eine unterirdische, geologische Schicht, die nach dem Zusammenprall der europäischen und afrikanischen Kontinentalplatten entstanden ist.

Wasser mit Geschichte
Im 14. Jahrhundert wurde das gesunde Nass aus Scuol zum ersten Mal urkundlich erwähnt und lockte schon bald den bürgerlichen Stand zur jährlichen Badefahrt ins Unterengadin. Seine Blütezeit hatte der Bädertourismus aber erst ein ganzes Weilchen später: Nach dem Bau der Talstrasse in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts pilgerten die Schönen und Reichen scharenweise nach Scuol, um bei Trink- und Badekuren zu entschlacken. Darunter auch viele Adlige: Zum Beispiel Wilhelmine, die damalige Königin der Niederlande. Auch Carola, Königin von Sachsen, reiste mehrmals an. Nach ihr wurde sogar eine der Scuoler Quellen benannt. Klar, dass die Gutbetuchten das Heilwasser auch bei sich zuhause in Berlin, London oder New York trinken wollten. So wurde das Scuoler Wasser zum Exportschlager. Scuol war ganz oben, liess als «Bäderkönigin der Alpen» in der Gunst der Reisegäste sogar St. Moritz hinter sich. Noch heute zeugen die 150-jährige Trinkhalle in Tarasp oder das Hotel Scuol Palace von der damaligen Glanzzeit.

Engadin Scuol Winterfilm

Engadin Scuol Winterfilm

Romanische Kultur und Badetradition. Engadin Bad Scuol, der einzige Schweizerische Nationalpark, Ski-, Wander- und Mountainbikegebiet machen Scuol zu einem starken Zentrum.

Diese Hierarchie hat sich mittlerweile verschoben: Heute kann Scuol der noblen Schwester aus dem Oberengadin in Sachen Champagner-Klima das Wasser nicht mehr reichen. Im Unterengadin aber ist das sprudelnde Wasser der Quell des Tourismus geblieben. Und der bleibt heutzutage glücklicherweise nicht mehr nur den Reichen vorbehalten. Heute kuren die Gäste im Bogn Engiadina, dem Engadin-Bad mitten im Dorf. Nach einer umfassenden Renovation Anfang der Neunzigerjahre machten die Betreiber aus dem alten Badehaus mit seinen Holzbadewannen einen modernen Wohlfühltempel, der als Vorreiter der modernen Wellness-Oasen gilt. Vor allem mit seinem Römisch-Irischen Bad, dem ersten, das in der Schweiz eröffnet wurde. Dabei handelt es sich quasi um ein kultur-übergreifendes Baderitual, bei dem der Gast in einer Kombination aus verschieden warmem Dampf (so machten es die alten Römer) und trockener Hitze (darauf schwörten die Iren) entspannt. Abschalten können Bogn-Besucher aber auch in den 6 000 Kubikmetern Wasser der zwölf Aussen- und Innenbecken – Aussicht auf die Unterengadiner Bergwelt inklusive. Bis 2012 wird das Engadin-Bad Schritt für Schritt renoviert und lockt nun mit neuen Angeboten.

Eine Frage des Geschmacks
Das Wasser bleibt aber auch in der aufgefrischten Verpackung das, was es immer war: wohltuend und gesund. Dem blauen Gold lassen sich gleich mehrere positive Eigenschaften zuschreiben: Ein Mineralbad wirkt abhärtend, fördert die Durchblutung, massiert die Haut, lockert die Muskeln und sorgt für eine verbesserte Ausdauer. Auch im Körperinnern entfaltet es seine Wirkung. Zum Beispiel mit Effekt auf die Blase: Das Bonifazius-Wasser wirkt harntreibend und wird zur Ergänzung bei Eisenmangel empfohlen. Lucius und Emerita wiederum zählen zu den stärksten Glaubersalzquellen Europas und werden unter anderem für Magen-, Darm- und Gallenblasenleiden angewendet. Für Stoffwechselvorgänge und die Steuerung von Muskeln und Nervensystem ist die Lischana- Quelle mit ihrem hohen Magnesiumgehalt von Bedeutung. Ein (Geschmacks-)Erlebnis ist eine Mineralwasserdegustation in Scuol in jedem Fall. Als Faustregel gilt: Je stärker mineralisiert ein Wasser ist, desto gewöhnungsbedürftiger ist es im Geschmack. Degustieren kann man die diversen Sorten in Scuol praktisch überall. Etwa in der Trinkhalle des Bogn Engiadina oder in der prächtigen Trinkhalle Tarasp, die im Jahr 1875 / 76 erbaut wurde. Hier schreitet man buchstäblich zur Trinkkur. Auch aus den Brunnen im Dorf sprudelt der gesunde Durstlöscher pausenlos. Auf einer Führung durch den historischen Ortskern erfährt man Wissenswertes rund um die verschiedenen Wasser aus den umliegenden Quellen. Und auch die Scuoler Restaurants schenken «Aua Minerala» aus – direkt ab Hahn oder abgefüllt in Flaschen ab der Carola-Quelle.

Für Wissensdurstige
Wer wissen will, woher das Wasser stammt, das aus der Trinkhallenleitung oder aus dem Dorfbrunnen fl iesst, stillt seinen Wissensdurst auf dem Mineralwasserweg. Der Lehrgang startet bei der Bonifaziusquelle, im kleinen Gebäude der Quellfassung westlich von Scuol, und führt über 30 Kilometer entlang der verschiedenen Quellen des Unterengadins. Zweisprachige Infotafeln geben Auskunft über die Herkunft des Namens, den Quelltyp, die wichtigsten Inhaltsstoffe und mögliche Anwendungen. Angelegt hat diesen Weg die «Fundaziun Pro Aua Minerala»: eine Stiftung, die Scuol mit einigen Nachbargemeinden am 22. März 2002 gegründet hat – just am Weltwassertag. Die Fundaziun hat sich gleich mehrere Ziele auf die Fahnen geschrieben: Sie bemüht sich um den Schutz der Quellen und damit um die Wasserqualität, und sie will das Interesse und die Kenntnis rund um das Mineralwasser fördern. Das wichtigste Anliegen der Stiftung ist es aber zu zeigen, welch grossen Schatz das Unterengadin an seinen Mineralquellen hat.

Buchtipp - La diala da l'aua

Buchtipp - La diala da l'aua

Wasser ist in Scuol omnipräsent. Kein Wunder, dass hier auch gerne die Geschichte der kleinen Wasserfee erzählt wird. Das zauberhafte Buch ist zur Einweihung des Wasserspielplatzes in Scuol entstanden.