Ruinaulta

Hier versetzt der Rhein Berge

Hier versetzt der Rhein Berge - Ruinaulta

Ruinaulta heisst aus dem Rätoromanischen übersetzt «hohe Geröllhalde». Denn wo sich heute der türkisfarbene Vorderrhein durch die weissen Felswände der imposanten Rheinschlucht schlängelt, rutschte einst eine Gesteinsmenge so gross wie zehn Matterhörner gleichzeitig in die Tiefe. «Contura» war im Grand Canyon der Schweiz unterwegs.

Der Zug der Rhätischen Bahn rattert auf den Schienen direkt neben dem Wanderweg, der von der Station Versam-Safien aus in die Rheinschlucht führt. Seit genau 100 Jahren zieht sich die Bahnlinie der RhB durch die Schlucht und bringt Reisende von Chur bis nach Disentis – oder mit dem Glacier Express bis nach Zermatt. Die vorbeifahrende Bahn sorgt für einen kräftigen Luftzug, der das Laub aufwirbelt. Ihr leuchtendes Rot bildet einen starken Kontrast zum türkisfarbenen Wasser des Vorderrheins. Dieser schlängelt sich durch die steilen Wände der Schlucht, helle Kiesbänke säumen die Kurven. Die Sonne bringt den weissen Kalkstein zum Leuchten.

Der gewaltige Flimser Bergsturz vor rund 10 000 Jahren nach dem Rückzug des Rheingletschers gilt als Geburtsstunde der Rheinschlucht. Wahrscheinlich auf einen Schlag brach zwischen den Bergen Flimserstein und Piz Grisch der grösste Teil der über 10 000 Millionen Kubikmeter Felsmasse ab und begrub das damalige Tal des Vorderrheins. Der Flimser Bergsturz war der grösste Bergsturz der Alpen mit einem Volumen von etwa zehn Matterhörnern.

Heimat seltener Vögel und Orchideen
Da der Vorderrhein nach dem Bergsturz nicht mehr abfliessen konnte, staute sich das Wasser: der Ilanzer See entstand. Den Namen hat er deshalb erhalten, weil die heutige Ortschaft Ilanz auf dem damaligen Seegrund gebaut ist. Nach etwa 1 000 Jahren frass sich der Rhein schliesslich durch den natürlichen Staudamm des Sees. Zwar lief das Wasser nicht ganz ab, aber der Seespiegel sank. Über die Jahrtausende schnitt sich der Fluss weiter durch die Bergsturzmassen, der See verschwand. Zurück blieb ein Naturparadies: die Rheinschlucht. Über 76 Kilometer windet sich der Vorderrhein von seiner Quelle, dem Tomasee am Oberalppass, durch die Ruinaulta bis nach Reichenau, wo er mit dem Hinterrhein zusammenfliesst. Bis zu 350 Meter sind die Steilwände hoch, das Wasser hat aus ihnen verschiedene Höhlen ausgewaschen. Ein Netz aus Wanderwegen mit verschiedenen Aussichtsplattformen und Grillplätzen zieht sich durch dieses Paradies. Vier Uferabschnitte des Vorderrheins stehen unter Naturschutz. Denn seine Auen bilden wichtige Brutplätze für seltene Vogelarten wie den Flussregenpfeifer oder den Flussuferläufer. In den ausgedehnten Nadelwäldern der Schluchthänge wachsen zudem viele Orchideenarten, wie zum Beispiel der seltene Frauenschuh.

Noch immer stürzt der Fels
Ruinaulta heisst die Rheinschlucht auf Rätoromanisch. Der Name setzt sich aus den Worten «ruina» (Geröllhalde, Steinbruch) und «aulta» (hoch) zusammen. Dieser Name wird der geologischen Beschaffenheit der Rheinschlucht gerecht. So homogen wie das Gestein auf den ersten Blick scheint, ist es nicht. Beim gigantischen Sturz brach der Fels in unendlich viele kleine Stücke, die das Tal in eine Geröllhalde verwandelten und heute eine Art dreidimensionales Puzzle bilden. Zusammengehalten werden die Puzzleteile von Kalk, der ursprünglich im Wasser gelöst war, das durchs Geröll floss und der sich über die Jahrtausende abgelagert hat – versintert, wie Geologen sagen. Die Masse ist jedoch nicht so stabil wie massiver Fels. Mit blossen Fingern lassen sich ein paar Stücke aus einer Gesteinsfläche am Wegesrand bröckeln. Bei der ungleichmässigen Beschaffenheit des Gesteins ist Vorsicht geboten, wenn man hier etwas bauen will. Denn die einzelnen Schichten der Felssturzmasse sind unterschiedlich hart. Deshalb muss das Gestein an der geplanten Stelle untersucht werden, bevor für etwaige Bauten die Bagger auffahren. Für eine Analyse der Felsqualität klettern Geologen immer wieder in den Steinen umher, vermessen Felsspalten, stellen Berechnungen an und simulieren am Computer aufgrund der Ergebnisse mögliche Steinschlagereignisse und Felsstürze. Die Rhätische Bahn ist für ihren Gleisbau auf solches Expertenwissen angewiesen. Kleinere Felsstürze gibt es immer wieder – vermehrt im Frühling oder Spätherbst. Dann dringt Wasser in die Ritzen und Spalten des Gesteins. Wenn dieses gefriert, dehnt es sich aus und löst die Brocken. Davon betroffen war auch schon die Strecke der RhB. Im Jahr 2007 ging bei Valendas gleich ein grösserer Felssturz auf die Schienen nieder. Deshalb erweiterte man an dieser Stelle schliesslich die Galerie, um die Bahnlinie vor Steinschlag zu schützen.

Ein «Flug» mit dem Mauersegler
Vorbei an der Chrummwag, wie die starke Windung des Vorderrheins genannt wird, führt der Wanderweg über eine Brücke in Richtung Conn. Der Pfad verläuft durch einen Wald, der hauptsächlich aus Föhren besteht. Fast allen Bäumen fehlt aber die Spitze. Schuld daran ist der Schnee. Wenn die Last der weissen Pracht im Winter zu gross wird, knicken die Spitzen der Föhren ab und die Bäume wachsen dann ohne sie weiter. In Conn angekommen, bietet die Aussichtsplattform «il Spir» – übersetzt «der Mauersegler» – einen grandiosen Ausblick über die Ruinaulta. Die Plattform ragt mit 12,5 Metern Höhe schräg über den Abgrund und sieht aus wie ein Mauersegler im Startflug, die Flügel weit ausgebreitet. 400 Meter unter ihr fliesst der Vorderrhein. Auf dem Weg von Conn nach Flims begegnet man weiteren Zeitzeugen des Flimser Bergsturzes: Dem Cauma- und dem Cresta see. Im Sommer locken sie zu einem erfrischenden Bad. Wer mag, führt seine Tour von dort aus auf einem der vielen Wanderwege fort – zum Beispiel in Richtung Ilanz. Sind die Beine müde, bringt der Bus die Schluchtenwanderer von Flims aus zurück ins Tal.